
Ich habe mich oft gefragt, was Venedig so besonders macht. Viele werden sagen, es sei ihre Schönheit, ihre tausendjährige Geschichte oder das einzigartige Zusammenspiel von Kanälen und Häusern. All das stimmt, doch es erklärt noch nicht alles. Kürzlich stieß ich in einem Beitrag von Ulrich Kühn für den NDR auf einen verblüffenden Satz: „Venedig ist der einzige bekannte Beweis dafür, dass eine Utopie – ein Nicht-Ort, ein Nirgendwo, das sich höchstens vorstellen lässt – in der Realität existiert.“
Venedig ist das Gestalt gewordene Märchen – ein Ort, den es dem gesunden Menschenverstand nach gar nicht geben dürfte. Etwas so Unwahrscheinliches, dass jede Suche danach eigentlich zum Scheitern verurteilt wäre. Und doch existiert es. Genau das ist das Staunen, das den Besucher erfasst, wenn er zum ersten Mal in diese Stadt tritt. Venedig ist ein wahrgewordener Traum, ein aberwitziger Gedanke, der sich plötzlich vor einem materialisiert.
Und genau das ist der Grund, warum die unzähligen Bilder und Filme, die man zuvor gesehen hat, und die vielen Geschichten, die man gelesen hat, einen nicht wirklich auf diese Begegnung vorbereiten. Vorstellbar ist vieles, und einiges wurde eindrucksvoll beschrieben und in Szene gesetzt. Doch etwas aus zweiter Hand zu kennen und es dann in seiner steinernen Wirklichkeit vor sich zu sehen, ist etwas völlig anderes. Hier zeigt sich, dass die Virtualität ihre Grenzen hat. Selbst die beste Visualisierung kann das unmittelbare Erleben nicht ersetzen – die Erkenntnis, dass etwas real ist, dass es tatsächlich existiert, dass man mitten darin steht und es ein Teil von einem selbst geworden ist.
Selbst den bestvorbereiteten Besucher trifft diese Erkenntnis wie ein Schock. Die erste verwirrte Reaktion lautet stets: „Es ist anders, als ich dachte.“ Doch dabei geht es nicht um die Palazzi, die Kanäle oder die Gassen. Dieses ‚Anderssein‘ betrifft die Realität gewordene Fantasie – denn die Wirklichkeit fühlt sich immer anders an als das, was wir uns vorgestellt haben.
Das erklärt auch die anhaltende Sehnsucht nach Venedig. Es reicht nicht aus, einmal dort gewesen zu sein. Man muss immer wieder zurückkehren. Tatsächlich entwickelt sich eine Art Sucht, die manche jedes Jahr, andere sogar häufiger, in die Stadt zieht. Man möchte diese Erfahrung wiederholen, sich immer wieder vergewissern, dass Märchen, Träume und Utopien tatsächlich Wirklichkeit werden können. Und das lässt sich nicht von zu Hause aus erleben, auch nicht mit dem besten Reiseführer. Man muss selbst über das Kopfsteinpflaster stolpern, auf dem schwankenden Vaporetto stehen, den Duft von Algen und Moos an den Fassaden der Palazzi riechen und sich von den Lichtreflexen des allgegenwärtigen Wassers blenden lassen.
Ich habe diesen Reiseführer auch als Lektüre für zu Hause empfohlen – als Vorbereitung auf eine Reise oder als nostalgisches Zurückblicken nach der Rückkehr aus Venedig. Doch eines kann dieser Reiseführer niemals ersetzen: das echte, das reale Venedig. Wenn Sie noch nie dort waren, dann fahren Sie hin! Wenn Ihr letzter Besuch schon lange zurückliegt, dann erneuern Sie ihn! Ich möchte Sie ermutigen, der Lektüre Taten folgen zu lassen. Keine virtuelle Realität – sei es in Wort, Bild oder Film – kann den Zauber der Wirklichkeit ersetzen, dieses Staunen darüber, dass es etwas so unglaublich Schönes wie Venedig tatsächlich gibt.
Der vorliegende Band sieht sich in der Tradition „literarischer“ Venedig-Reiseführer, wie sie z.B. im Insel Verlag erschienen sind (Hanns-Josef Ortheil „Venedig: Eine Verführung“, Cees Nooteboom „Venedig. Der Löwe, die Stadt und das Wasser“, die Reihe „Lieblingsorte“ etc.).
Er ist also kein traditioneller Reiseführer, sondern beleuchtet v.a. die weniger bekannten Seiten der Stadt und ihrer Geschichte. Daneben enthält er viele Bezüge zu Autoren, die über Venedig geschrieben haben, und ihre Werke. Auch autobiographische Elemente und Anekdoten werden eingefügt und stellen einen persönlichen Bezug zum Autor und seine Familie her. Das Ganze hat aber dennoch auch einen ganz praktischen Nutzen für den Venedig-Touristen. Es werden alle wichtigen Orte und Sehendwürdigkeit abgehandelt – immer kurz und immer unterhaltsam.
Man kann diesen Reiseführer zu Hause wie ein normales Buch lesen und in die Geschicke der Lagunenstadt eintauchen, kann es aber auch auf einer Reise nach Venedig als Nachschlagewerk und Tippgeber nutzen.
Die vielfältigen Elemente machen dieses Buch einzigartig. Es ist ein Essay, ein Führer durch die Stadt, eine persönliche Geschichte und eine literarische Fundgrube. Unterhaltsam geschrieben und nie mit Fakten überladen.
Es enthält zwölf schwarz-weiß Fotos von Lieblingsorten des Autors und zwei Übersichtspläne.
Jetzt auch auf Italienisch und auf Englisch!