Chrissy sprang aus dem Bett. Sie musste sich beeilen. Die erst Live-Schaltung begann mit dem Frühstück um 7 Uhr. Pünktlich, wie Tom, ihr Regisseur auf der fernen Erde, immer wieder betonen musste, denn ihre Zuschauer saßen dann auch am Frühstückstisch, zumindest in Nordamerika, und das war ihr wichtigster Markt.

Sie schlief nicht ganz nackt, denn das war verboten. Aber das Negligé, das sie nachts gerne trug, war kurz und durchsichtig. Im passenden Licht konnte man die Umrisse ihres Körpers erahnen, und ihre Beine kamen gut zur Geltung. Sie wusste, dass sie gut aussah, denn das war einer der Gründe, warum sie für das Projekt ausgewählt worden war, und dass sie ein wenig Schauspielerfahrung hatte, war auch hilfreich gewesen.

Sie ging ins Bad, streckte sich, drehte sich im Kreis, bückte sich, flocht all die kleinen Bewegungen und Stellungswechsel ein, die ihre Fans, wie sie wusste, an ihr liebten. Erotik, eine Prise Sex, mehr nicht. Immer am Rande dieser Grenze, die sie nicht überschreiten durften. Sehnsucht durften sie wecken, Befriedigung war nicht vorgesehen. Man musste die Zuschauer jeden Tag neugierig machen und mit kleinen Häppchen füttern, aber nicht sättigen. Sie sollten immer auf ein Mehr warten, das nie käme. Deshalb brüllte Tom manchmal „Wir sind keine verfickte Pornosendung!“, wenn jemand zu weit gegangen war. Dieser Linie waren sie stets treu geblieben, und jetzt waren sie im dritten Jahr.

Nachdem sie sich frisch gemacht hatte, zog sie sich um. Dafür ging sie zum Kleiderschrank, der in einer Ecke stand. Die nächste Kamera war drei Meter entfernt und nahm sie von der Seite auf. Sie wusste, dass im schwachen Licht des Schlafzimmers kaum etwas zu erkennen war. Nur ein Schatten, der sich anmutig bewegte, die Rundungen ihres Hintern und ihre Brüste, die nur zu sehen glaubte, der genug Phantasie hatte.

Sie zog Jeans und T-Shirt an, das war ihr üblicher Outfit, und blieb kurz vor dem Bullauge stehen. Draußen ging gerade die Sonne unter. Das war der Nachteil, wenn man sich nach der Zeit auf der Erde richten musste. Auf dem Mars dauerte der Tag etwas länger als auf der Erde, und so drifteten die Tageszeiten hier und dort schnell auseinander. Aber ob es draußen hell oder dunkel war, spielte für sie letztlich keine Rolle.

Mit der Zeitverzögerung, die die Radiowellen benötigten, um die Erde zu erreichen, war es komplizierter. Diese hing von der Stellung der Erde zum Mars ab und schwankte zwischen 3 und 22 Minuten, eine Spanne, die sich langsam auf- und dann wieder abbaute. Im Moment waren sie der Erde am nächsten, etwa 55 Millionen Kilometer.

Das war der beste Zeitpunkt, um eine Rakete zum Mars zu schicken. Ein solches Startfenster öffnete sich alle 26 Monate, Beim letzten hatten sie ihre Mission begonnen, dieses Mal sollte ihre Versorgungsrakete starten. Doch auch diese würde erst in etwa sechs Monaten eintreffen.

Das alles wusste Chrissy aus dem vierwöchigen Kurs, den sie vor dem Start absolvieren mussten. Er war interessant gewesen, hatte sie aber nur ungenügend auf ihr Abenteuer vorbereitet.

Sie kam ein paar Minuten zu spät in den Frühstücksraum und erntete einen fragenden Blick von Pete, dem blonden Hünen, den man sich eher an einem Strand in Kalifornien vorstellen konnte als hier in der Wüste des Mars. Roberta schürzte missbilligend die Lippen und schüttelte ihr rotes halblanges Haar. Man hörte das leise Sirren des Zooms, der diese Bewegung einfing. Alle Kameras waren in Betrieb; ein Dutzend roter Lämpchen blinkte im Gleichtakt.

Was war heute vorgesehen? Chrissy versuchte sich an das Drehbuch zu erinnern. Ach ja, sie sollte mit Pete flirten, der war dran. Eine sich anbahnende Beziehung, und Roberta spielte die eifersüchtige Rivalin. Die war anscheinend schon voll in ihrer Rolle.

Sie setzte sich zu Pete und legte ihm wie beiläufig eine Hand auf den Oberschenkel. Dieser trug eine knappe Short, und sie spürte die Haare seines Beines unter ihrer Hand. Dann sagte sie irgendwas und er antwortete, während Roberta sie anfunkelte.

Feste Dialoge gab es nicht. Sie improvisierten. Doch darin waren sie gut. Schließlich hatten sie jahrelange Übung. Es durfte sich aber möglichst nichts wiederholen. Und sie durften nicht durcheinanderreden. Das hatte ihnen Tom eingeschärft. Das war eine der unumstößlichen Regeln des Fernsehens.

Der Frühstückstisch war reichlich gedeckt; die Targets gut sichtbar aufgestellt. Dafür war Mike zuständig. Er sorgte dafür, dass die Produkte, die an diesem Tag an der Reihe waren an der richtigen Stelle standen.

Ach ja, Mike, das war ihr letzter ‚Partner‘ gewesen. Wie lange war das gegangen? Fast sechs Monate, sehr lange für eine schnelllebigen Seifenoper. Doch sie gaben das fast ideale Paar, und die Zuschauer hatten sich in allen Umfragen kategorisch gegen eine Trennung ausgesprochen. Selbst Tom und das Konzeptteam konnten wenig gegen die Marktforschung ausrichten. Schließlich hatten sie zu einer List gegriffen und Lisa in Mikes Bett bugsiert. Chrissie hatte sie in flagranti erwischt und tagelang geheult und gejammert, bis auch der Letzte am Fernsehgerät einer Trennung zugestimmt hatte. Aber wer weiß, wenn Gras über die Sache gewachsen war, käme Mike vielleicht wieder an die Reihe. Chrissie wünschte es sich. Bei ihm hatte sie sich gut aufgehoben gefühlt.

Doch wie ginge es weiter? Was passierte, wenn jeder an der Reihe gewesen war, gar mehrmals, gäbe es dann verstärkt Paarungen zwischen Männern und zwischen Frauen. Lisa und Monica hatten es vorgemacht, und das war bei den Zuschauern gut angekommen.

Chrissie nahm die Packung mit den Haferflocken, hielt sie ein paar Sekunden in die Kamera und füllte dann ihre Schale. Die Milch wurde aus Pulver und aufbereitetem Wasser hergestellt und schmeckte schal. Doch sie verzog verträumt ihren Mund, als äße sie eine der größten Köstlichkeiten des Planeten. Ihre Vorräte gingen langsam zu Ende. Es wurde Zeit, dass die Versorgungsrakete kam. Sechs Monate, dachte Chrissie, eine verdammt lange Zeit. Doch auch diese Durststrecke würden sie gemeinsam überstehen.

Sie verstanden sich gut. Ein Jahr lang hatten sie sich in einem abgeschotteten Bunker in der Wüste Arizonas auf ihren Einsatz vorbereitet. Immer wieder war jemand gegangen, immer wieder war jemand Neues gekommen, bis schließlich die endgültige Besatzung festgestanden hatte: vier Frauen und vier Männer.

Sie waren sich ähnlich im Alter, zwischen 25 und 30 Jahren, doch unterschiedlich im Charakter. Ein Computer hatte das ideale Beziehungsgeflecht anhand von Persönlichkeitstests berechnet. Das zukünftige Zusammenleben durfte nicht zu harmonisch sein, aber auch nicht zu konfliktbeladen. Die Spannung zwischen ihnen sollte lange Zeit anhalten, aber nicht zu unkontrollierbaren Auseinandersetzungen führen. Es war ganz ähnlich wie in einer normalen Zweierbeziehung: Zu viel Übereinstimmung war langweilig, zu große Gegensätze wurden schnell destruktiv. Und natürlich musste jeder einzelne von ihnen belastbar und psychisch stabil sein. Astronauten waren die ausgeglichensten Menschen der Welt, und obwohl sie weder eine wissenschaftliche Ausbildung noch ein entsprechendes Training genossen hatten, fühlten sie sich als Astronauten. Sie waren Astronauten.

Jeder hatte sich bewerben dürfen, nur das Alter war festgelegt gewesen, das Alter und die körperliche Konstitution. Denn schließlich war es eine Mission ohne Wiederkehr. Eine Möglichkeit, zur Erde zurückzufliegen gab es nicht. Noch nicht, wie ihnen immer wieder versichert wurde. Doch in einigen Jahren schien alles möglich. Die Erforschung des Mars war das nächste große Ziel, und ihr Realityshow zeigte deutlich, dass sich die Menschen nach diesem fernen Planeten sehnten, dass sie neugierig waren zu sehen, wie man dort lebte. Sie waren Pioniere. Die erste kommerzielle Marsmission. Die ersten Kolonisten, die sich auf einem fremden Planeten niederließen.

Dass man sie schließlich ausgewählt hatte, überraschte sie selbst am meisten. Sie sah sich als ganz durchschnittlichen Menschen. Ein abgebrochenes Studium, eine abgebrochene Beziehung. Sie war nicht hässlich und kam mit Menschen gut aus. Sie hatte Geduld und konnte zuhören. Aber war das genug, um unter 100.000 Frauen als eine der vier besten ausgewählt zu werden? Sie hatte Glück gehabt, das war ihr sofort klar gewesen. Sie hatte eine unglaubliche Chance bekommen und war fest entschlossen, das Beste daraus zu machen.

Für jeden Monat draußen auf dem Mars würde die Produktionsfirma einen Betrag für jeden von Ihnen zurücklegen. Wenn sie eines Tages zurückkämen, wären sie wohlhabend, und wenn nicht, würden ihre Angehörigen mit einer schönen Summe bedacht werden. Sie dachte an ihre kleine Schwester und wünschte sich, dass sie das Geld eines Tages bekäme.

Das Frühstück zog sich in die Länge. Jemand holte frischen Kaffee aus der Küche oder das, was die Zuschauer für Kaffee halten sollten. Denn echten Kaffee gab es schon lange nicht mehr.

Roberta spielte die eifersüchtige Nebenbuhlerin, Pete den umschwärmten Hahn im Korb, und Chrissy gab sich Mühe, ihm zu gefallen. Immer wieder ging ihr Blick zu Lisa und Monica, die spitze Bemerkungen einwarfen und laut auflachten. Mike saß etwas abseits und schien alles zu beobachten. Wo zum Teufel war eigentlich Nick? Erst jetzt fiel Chrissy auf, dass sie heute Morgen nur zu sechst waren.

Nick fehlte in letzter Zeit oft, und auch die Tadel des Regisseurs und die angedrohten Strafen hatten nichts daran geändert. Meist lag er dann auf seinem Bett, hatte die Kameras mit Kleidungsstücken verhängt und las. Regelmäßig erhielten sie Zeitungen, Zeitschriften und die neuesten eBooks. Wenigstens daran wurde nicht gespart. Dass er die wenigsten Follower hatte, störte ihn wenig, und dass sie von Woche zu Woche weniger wurden, schon gar nicht. Schließlich ging es ihnen allen so, da durften sie sich nichts vormachen.

Seit Marks Tod war es streng verboten, die Station zu verlassen. Er war mit dem Rover hinausgefahren und nie zurückgekehrt. Fast ein Jahr war das jetzt her. Offiziell hieß es, es sei ein tragischer Unfall gewesen. Aber Chrissy hätte es nicht überrascht, wenn der nachdenkliche Mark seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hätte. Er war der introvertierteste unter ihnen, der ruhigste – und der pessimistischste. Vielleicht hatte der allwissende Diagnosecomputer eine leichte depressive Neigung übersehen, die über die Monate in ihm gewachsen war, bis sie ihn schließlich hinaus in den staubigen, rötlichen Marstag trieb. Auch dieser ein Gang ohne Wiederkehr. Welchen Unterschied machte es schon?

Ohne Mark war das sorgsam gehütete Gleichgewicht auf der Station durcheinandergeraten. Jetzt fehlte ein Mann, und es fehlte ein Gegengewicht zu Monica, deren Stimme immer etwas zu laut und deren Lachen so durchdringend wie die Alarmsirene der Station war. Seltsam, wie ein einzelner fehlender Stein ein ganzes Gebäude ins Wanken brachte. Seit dem Tag, an den sie Mark verloren hatten, war es bergab gegangen. Und heute konnte sich Chrissy kaum noch an sein Gesicht erinnern.

Das Frühstück war vorbei. Nach und nach erloschen die roten Lämpchen der Kameras – alle. Die beiden Hauptkameras hätten eigentlich weiterlaufen sollen. Etwas stimmte nicht, dachte Chrissy. Mike zuckte nur mit den Schultern. Vielleicht ein technischer Fehler oder die zentrale Steuerung hatte sich aufgehängt. Es wäre nicht das erste Mal gewesen.

Doch dann erschien Tom auf dem großen Bildschirm. Er grinste breit, klatschte ein paar Mal in die Hände, lobte die Frühstücksszene, jeden einzelnen von ihnen und ging nicht einmal auf Nicks Abwesenheit ein. Selten, dass er sich live zuschaltete, meist beließ er es beim wöchentlichen Briefing. Vier Minuten Zeitverzögerung, dachte Chrissy. Hin und zurück also doppelt so lang. Wenn sie jetzt etwas sagte, würde sie Toms Antwort erst in acht Minuten hören.

Schließlich verstummte er. Er wusste nur zu gut, dass sie ihm nur zuhören konnten. Mit ernster Miene begann er damit, dass er keine einfache Art gäbe, das zu sagen, was er zu sagen hatte. So sei es besser, den Stier bei den Hörnern zu packen, ein kurzes leeres Lachen, je früher es raus sei, desto besser.

Es sei sein letzter Arbeitstag, und damit auch ihr letztes Gespräch. Sie sahen sich fragend an. Ein neuer Regisseur? Tom schüttelte den Kopf, als hätte er ihre Gedanken bereits erahnt. Sie wüssten alle, dass die Zuschauerzahlen seit Monaten sinken würden. Fast genauso schnell wie die Anzahl ihrer Follower in den sozialen Medien. Die Menschen hätten andere Sorgen. Der Krieg… Er zögerte. Dann schüttelte er erneut den Kopf. Um es kurz zu machen: Die Produktionsfirma ist pleite, die Show wird mit sofortiger Wirkung eingestellt. Ihr seid alle entlassen. Und ich, er lächelte gequält, muss mir einen neuen Job suchen.

Sie sahen sich fassungslos an. Mit vielem hatten sie gerechnet, aber nicht damit. Die Sendung war auf unbestimmte Zeit angelegt, auf ewig, so hatte es der Produzent damals mit weit ausgebreiteten Armen versprochen. Er hatte von den Kindern gesprochen, die auf der Station geboren würden, von den Kindern dieser Kinder. Eine ganze Kolonie sollte entstehen, und die ganze Welt würde zuschauen.

Plötzlich redeten alle durcheinander, und es kümmerte sie nicht, dass Tom einfach weitersprach. Seine Reaktion, falls es überhaupt eine gab, würden sie erst in acht Minuten erfahren. Wir sind entlassen? schrie Lisa. Und wir suchen uns jetzt einfach einen neuen Job? war Monica ein. Sie holen uns nach Hause, versicherte Mike, glaubt mir, es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig. Chrissy starrte ihn an. Nach Hause?

Während die anderen durcheinander redeten und Toms tiefe Stimme aus den Lautsprechern drang, dachte Chrissy an ihr Zuhause. Welches Zuhause? Auf der Erde hatte sie längst keins mehr. Die Station war ihr Zuhause. Hier, auf diesem einsamen Planten, war die einzige Familie, die sie noch hatte. Zum ersten Mal wurde ihr klar, dass sie nie wirklich zurückgewollt hatte.

Irgendwann beendete Tom sein Monolog. Er blickte auf seinen eigenen Bildschirm, wahrscheinlich auf die ersten Bilder, die vom vom Mars eintrafen. Eine Weile lauschte er die Meinungsäußerungen, die verzögert zu ihm drangen. Auch auf der Station kehrte Ruhe ein, während sie sein Minenspiel beobachteten. Er nickte, er wog den Kopf hin und her, er lächelte mild, um dann die Augenbrauen hochzuziehen. Die verschiedensten Gefühle huschten über sein Gesicht.

Schließlich sah er auf. Er war ernst geworden. Und ich habe noch eine weitere schlechte Nachricht, fuhr er fort. Er hielt kurz inne. Die Versorgungsrakete wird nicht starten. Ungläubige Rufe erhoben sich, doch die hörte er nicht.

Nachdem die Bombe geplatzt war, versuchte Tom zu beruhigen. Er konnte sich vorstellen, was er angerichtet hatte. Man sei jetzt auf private Initiative angewiesen. Eine Spendensammlung sei bereits angelaufen. Aber es seien gewaltige Summen, die aufgebracht werden müssen. Milliarden… Und der Staat… Nun, der Präsident sei nicht gerade für seinen Enthusiasmus für den Weltraum bekannt.

Chrissys Blick war aus reiner Gewohnheit zur Hauptkamera gewandert, die gleich neben dem Eingang zu Gemeinschaftraum, ihrem „Wohnzimmer“, hing. Doch sie war ausgeschaltet. Niemand sah ihnen zu. Nicht heute, nicht morgen, nie wieder. Diese Erkenntnis war wie ein Schock. Was hatte das Leben für einen Sinn, wenn niemand dabei zusah? Wie wäre es, nur für sich selbst zu leben, für sich und die wenigen anderen auf der Station? Sie würde ihre Hunderttausenden, ja Millionen Fans vermissen. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Was hatte sie alles getan, um ihre treue Gemeinde zu hegen und zu pflegen, um ihnen jeden Wunsch zu erfüllen? Zumindest jeden, der in ihrer Macht stand.

Tom hatte weitergesprochen. Man würde sie nicht im Stich lassen. Eine Rakete käme, irgendwann. Sie müssten sich einschränken, das ist klar, Lebensmittel rationieren, vielleicht eigenes Gemüse anbauen, Kartoffeln, Acocados… Er hob hilflos die Arme. Er habe keine Ahnung, aber Sie hätten ja Zeit, sich damit zu beschäftigen. Und schließlich seien sie jetzt nur noch zu siebt. Mit etwas Glück konnten sie autark werden. Ja, autark. Und wenn nicht… In ein paar Jahren sei die eine Marsmission geplant, vielleicht könnten sie dann mit den Astronauten zurück zur Erde.

Chrissy hörte nicht mehr zu. Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie würden hier sterben, das wurde ihr plötzlich bewusst. Das gleiche Schicksal erleiden wie Mark, der in die unendliche Wüste hinausgefahren war. Vielleicht hatte er all das kommen sehen, vielleicht hatte er schon früh seine Entscheidung getroffen.

Tom hatte sich verabschiedet. Er war bewegt, das sah man ihn an. Immer wieder hatte er ihnen versichert, dass er für sie da wäre, dass sie sich jederzeit an ihn wenden könnten, dass er alles tun würde, damit sie auf der Erde nicht in Vergessenheit gerieten. Und hatte schließlich abgeschaltet. Chrissy war sich sicher, dass sie sein gütiges und doch strenges Gesicht zum letzten Mal gesehen hatte. Er war wie ein Vater für sie und alle anderen gewesen.

Plötzlich war es still. Niemand sagte ein Wort. Jeder starrte vor sich hin, bemüht, das zu verarbeiten, was sie in der letzten halben Stunde gehört hatten. Eine halbe Stunde! Unfassbar. Vorher war die Welt noch in Ordnung gewesen.

Nick kam herein. Er streckte und gähnte sich, als sei er gerade aus dem Bett gestiegen. Er war unrasiert, trug eine Short und ein altes T-Shirt. Gibt es noch Frühstück? Ich habe Hunger. Dann blieb er stehen und sah in die Runde. Was ist los? Ist jemand gestorben? Er lachte.

Sie sahen sich an. Keiner wollte vorangehen, und so entschloss sich Mike, das Wort zu ergreifen. Er fasste die Lage gewohnt knapp und präzise zusammen. Nick hörte aufmerksam zu, ohne etwas zu sagen. Als Mike geendet hatte, sah Nick in die Runde, musterte einen nach dem anderen. Dann begann er zu lachen – erst leise, fast zögerlich, doch das Lachen schwoll schnell an, wurde lauter und lauter. Er lachte und lachte, bis er nicht mehr aufhören konnte. Schließlich sank er prustend zu Boden, hielt sich die Seiten und wälzte sich in einem seltsamen Tanz.