Es war ihm aufgefallen, dass seine Frau abends beim gemeinsamen Fernsehen häufig ihr Smartphone in der Hand hielt und konzentriert auf den kleinen Bildschirm sah, immer wieder mit dem Zeigefinger darauf herumwischte und leise vor sich hin murmelte und manchmal seufzte oder leise fluchte. Dass sie sich mit ihrem Handy beschäftigte, war an und für sich nichts Besonderes, denn nach der Arbeit blätterte sie gerne durch die Facebook-Posts ihres weit verzweigten Freundeskreises oder stellte selbst etwas ein, schrieb die eine oder andere Nachricht auf WhatsApp, Signal oder Telegram und chattete mit nahen und ferneren Bekannten. Doch die Ernsthaftigkeit, mit der sie seit einiger Zeit zu Werke ging, war anders. Außerdem wechselte sie nicht zwischen den Apps, denn der Bildschirm wies die immer gleiche gelbbraune Farbe auf. Stunde um Stunde starrte sie darauf und schien sich für das laufende Fernsehprogramm wenig zu interessieren. Wenn er sie ansprach, schien sie zerstreut und gab einsilbige Antworten.
Was sie da eigentlich tue, fragte er sie deshalb eines Abends. Sie sah kurz auf und sagte: „Ich spiele ein Spiel.“ Dann vertiefte sie sich wieder in ihr Tun. „Ist es interessant?“ fragte er nach. „Ja, mir gefällt es. Es hilft mir, mich zu entspannen“, fügte sie hinzu.
Er rückte näher zu ihr, um ihr über die Schulter zu schauen. Das Spielfläche ähnelte einem Sudoku-Feld. Es gab neun Zeilen und neun Spalten, auf denen man kleine, würfelförmige Objekte platzieren musste. Sie bestanden aus einer bis fünf Einheiten und wiesen unterschiedliche Formen auf. Wenn man sie geschickt arrangierte und eine Zeile oder Spalte vollständig füllte, verschwanden sie, und man hatte Platz gewonnen, neue Spielsteine zu setzen. Das Gleiche galt für die neun Quadraten des Spielfeldes. Dafür gab es Punkte. Ein einfaches Spielprinzip, wie ihm schien. Alles war in einer Holzoptik gehalten: ein hölzernes Brett, auf das man Holzklötzchen ablegte.
„Bist du gut“, fragte er vorsichtig. „Es geht so“, antwortete sie. „Es geht mir nicht um Bestleistungen. Es beruhigt ungemein, die Spielsteine schnell und ohne lange zu überlegen auf das Brett zu schieben. Intuitiv, könnte man sagen.“ Tatsächlich spielte sie schnell, kaum materialisierte ein neues Set von Spielsteinen, schob sie diese blitzschnell auf einen freien Platz. Wie von Geisterhand fügten sie sich zusammen, und verschwanden, wenn sie eine lückenlose Zeile oder Spalte bildeten oder wenn sie eines der neun Quadrate ausfüllten. Trotz aller Bemühungen wurde das Spielfeld immer voller. Ein wenig gemein war, dass die Holzklötzchen immer komplexer wurden. Gab es anfangs noch reichlich Einser und Zweier wurden sie im späteren Spielverlauf zur Mangelware. Dann überwogen die Fünfer: das Kreuz mit seinen undankbaren Ecken, der Winkel, der jede Menge Platz beanspruchte, die Klammer, die an einen Krebs erinnerte und ein Loch an der Seite aufwies und die schwer unterzubringenden diagonalen Steine, die bis zu vier Einheiten lang waren. Das alles erklärte sie ihm, während sie die Klötzchen an ihren Platz schob. Es gab keinen Zeitdruck, und doch entschied sie in Sekundenbruchteilen, wohin sie gehörten, was die beste Fortsetzung sei. Die Geschwindigkeit, mit der sie spielte, ließ ihn daran zweifeln, ob sie immer die optimale Lösung fand. Manchmal dachte er, ein anderer Zug wäre der bessere gewesen.
Sie hatte gerade die sechshundert Punkte Marke überschritten, als ihr der Platz auf dem Spielfeld ausging. Der Bildschirm wurde grau und eine Einblendung besagte lapidar: KEIN PLATZ MEHR. Dann setzte Werbung ein. Es liefen mehrere Spots, die für andere Spiele des Herstellers warben. Seine Frau stöhnte. „Die Werbung ist das Schlimmste.“ Er nahm ihr das Telefon aus der Hand und schloss die App. Dann startete er sie erneut. Die Werbung war verschwunden. „Danke,“ sagte sie, „dass ich nicht selbst darauf gekommen bin!“ Sie nahm ihm das Handy wieder ab und startete ein neues Spiel. „Wenn du das auch mal versuchen willst, musst du dir die App herunterladen. Sie ist kostenlos. Du wirst sehen, es sieht simpel aus, es hat aber in sich.“
Es war nicht seine Art, auf dem Handy Spiele zu spielen. Er hielt das für Zeitverschwendung. Außerdem verstand er nicht, welche Faszination dieses Spiel auf seine Frau ausübte. Sie hatte nichts für Computerspiele übrig, und doch saß sie seit Tagen jeden Abend davor, als wäre es die schönste Freizeitbeschäftigung, die sie sich vorstellen konnte. „Hm“, sagte er deshalb mit wenig Überzeugung, „ich überlege es mir. Wie heißt es?“. „Irgendwas mit Wood: Woody Block, Woody Sign, Block Puzzle? Ich glaube, du kannst es nicht verfehlen“, antwortete sie schwer verständlich, während sie auf der Unterlippe kaute.
Im Appstore war das Spiel tatsächlich leicht zu finden. Es hieß Wooden Sudoku und wurde von einem polnischen Hersteller vertrieben. Die Polen sind bei Computerspielen mittlerweile ganz weit vorne, dachte er, und doch hatte er von dieser Firma noch nie etwas gehört. Spaßeshalber lud er es herunter, spielen würde er dennoch nicht.
Seine Abneigung gegen Computerspiele lag auch daran, dass er jeden Tag am Bildschirm saß, vor einer ganzen Batterie von Monitoren, denn er arbeitete als Fluglotse bei der Deutschen Flugsicherung in Langen. Ein sowohl anstrengender als auch verantwortungsvoller Job, der allerdings sehr gut bezahlt wurde. Seine Aufgabe bestand darin, die ankommenden Flugzeuge am Flughafen Frankfurt in gleichmäßigen Abständen aufzureihen und sicher zu Boden zu bringen. Manchmal übernahm er die startenden Maschinen und lotste sie so schnell wie möglich aus dem Luftraum des Flughafens. Der Platz war begrenzt, und bei mehr als tausend Flugbewegungen am Tag herrschte von den frühen Morgenstunden bis spät in die Nacht geschäftiges Treiben.
Obwohl seine Arbeitszeit kurz war und er viele Pausen hatte, war er danach oft müde. Seine Augen waren ausgezeichnet, aber das ständige Starren auf dem Bildschirm strengte sie sehr an. Abends zu Hause tränten sie manchmal. Wenn viel Betrieb war, musste er ein Dutzend Flugzeuge gleichzeitig überwachen und durfte in seiner Aufmerksamkeit keine Sekunde nachlassen. Glücklicherweise arbeiteten sie stets in Zweierteams, so dass er nicht die alleinige Verantwortung trug.
Seine Frau war Modedesignerin und arbeitete bei einem großen Modelabel in Frankfurt. Sie war der kreative Part ihrer Beziehung. Sie beschäftigte sich mit Farben und Schnitten, schuf neue Formen und kombinierte Bestehendes neu. Er dagegen war der analytische Denker, der schnell lebenswichtige Entscheidungen treffen musste. Seltsam, dass ihr das Klötzchenspiel so gut gefiel. Objekte in begrenzten Räumen anzuordnen und zu koordinieren, schien ihm eine Aufgabe zu sein, die wesentlich besser zu ihm selbst passte.
Das war vielleicht der Grund, warum er nach ein paar Tagen das Spiel doch ausprobierte.
Da sie beide gut verdienten, hatten sie sich schon früh ein schönes Haus in der Nähe von Darmstadt leisten können. Nachwuchs hatte sich noch nicht eingestellt, da sie aber beide noch verhältnismäßig jung waren, bereitete ihnen das keine übermäßigen Sorgen. In einigen Jahren würden sie weitersehen.
Sie besaßen ein großes Wohnzimmer, durch das man in einen weitläufigen Garten hinausgehen konnte. Die lederne Couchecke vor dem wandfüllenden Flachbildschirm war ihr abendlicher Treffpunkt, wo sie sich ausstreckten, ein Glas Wein tranken und dem öffentlich-rechtlichen Programm folgten. Seit einigen Tagen hielten sie beide ihr Smartphone in der Hand und spielten.
Seine ersten Erfahrungen mit dem Spiel waren zwiespältig gewesen. Auf den ersten Blick erschien ihm das Spiel recht zufällig. Wenn die falschen Klötzchen erschienen, hatte man keine wirkliche Chance mehr weiterzukommen. Dann füllte sich das Spielfeld innerhalb weniger Sekunden mit Kreuzen, Winkeln und Klammern, alles Fünfer-Objekte, die sich auf unerträgliche Art und Weise breit machten und die wenigen verbliebenen freien Kästchen blockierten, bis schließlich die Einblendung KEIN PLATZ MEHR erschien, unerbittlich wie endgültig, denn die Zurücknahme eines Zuges war nicht möglich. Ein echter Nachteil, wie ihm schnell bewusst wurde, denn manchmal vertat man sich, setzte das Klötzchen an die falsche Stelle und war dann chancenlos.
Grundsätzlich mochte er Spiele. Er hatte in seiner Jugend gerne Skat oder Doppelkopf gespielt, auch an Online-Poker hatte er sich, allerdings ohne großen Erfolg, versucht. Früher bei den Eltern hatte es regelrechte Spieleabende gegeben, bei denen die ganze Familie zusammengekommen war. Die strategischen Brettspiele hatten es ihm angetan: Die Siedler von Catan, Alhambra oder Eisenbahnspiele, bei denen man Strecken bauen und betreiben musste. Bei näherer Betrachtung hatten es ihm vor allem Spiele angetan, die Berechenbarkeit mit einer Zufallskomponente verbanden, dachte er. Reine Glückspiele wie Roulette fand er langweilig, Spiele, bei denen es nur auf intellektuelle Leistungen ankam, wie zum Beispiel Schach, fand er anstrengend. Außerdem gewannen dann immer die Gleichen. Eine gute Mischung aus Können und Zufall war der Schlüssel für ein gutes Spiel, und bei den Klötzchen schien das nicht gegeben zu sein.
Und doch stellte er fest, dass er nach dem Ende eines Spiels die App sofort wieder startete. Noch ein Spiel, dachte er, ein einziges Spiel, dann höre ich auf. Schnell hatte er den Ehrgeiz entwickelte, seinen High-Score zu verbessern. Und wenn er ein Spiel vorschnell verloren hatte, wollte er die Niederlage durch ein besseres Ergebnis am liebsten sofort wieder vergessen. Manchmal setzte er sich ein Ziel: Heute will ich mindestens 800 Punkte schaffen! Dann schielte er zu seiner Frau und fragte so harmlos wie möglich: „Liebling, wie läuft es bei dir heute?“ Sie antwortete meist einsilbig: „Ganz gut“ oder „Es geht so“. „Wie viele Punkte?“ setzte er nach. Wenn sie dann 600 oder 700 sagte, schmunzelte er in sich hinein. „Nicht schlecht“, meinte er nur und sah zufrieden auf sein eigenes Ergebnis.
Obwohl ihm das Spiel anfänglich recht zufällig erschienen war, bemerkte er bald, dass man sich verbessern konnte, wenn man sich an bestimmte Regeln hielt. Die Ecken des Spielfeldes waren wichtig, man musste sowohl die Zeilen und Spalten als auch die Quadrate stets gleichzeitig im Auge behalten und um jeden Preis vermeiden, einzelne isolierte Felder übrig zu lassen. Denn dann half nur noch einer der seltenen Einser. Doch die gab es lediglich ganz am Anfang eines Spieles.
Einfache Regeln, die sofort einleuchteten, die aber keineswegs geeignet schienen, Höchstleistungen zu vollbringen. Sein High-Score stand jetzt bei 1200 Punkten. Doch das Internet gab, trotz eingehender Recherche, keine zusätzlichen brauchbaren Tipps her.
Auf einer einschlägigen Seite hatte er gelesen, dass der offizielle Weltrekord bei knapp über 5000 Punkten lag. Doch die ersten vier Plätze belegte der immer gleiche Spieler, ein Mann aus Italien. Die Fünftplatzierte, eine Frau, hatte 2500 Punkte erreicht. Das erschien ihm ein realistisches Ziel. Der Weltrekord des Italieners war kaum zu schlagen. Vermutlich verfügte er über besondere Fähigkeiten oder Tricks. Nichts auszuschließen, dass er sich einer Software bediente. Wie sonst ließe sich der riesige Abstand zum Zweitplatzierten erklären?
Also 2500 Punkte, dachte er. Es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich das nicht schaffe.
In den nächsten Tagen entdeckte er weitere Regeln, die ihm nützlich schienen, die unabänderliche Niederlage ein Stück weiter hinauszuzögern. Isolierte Felder mussten, falls doch entstanden, so schnell wie möglich „befreit“ werden. Es war sinnlos auf einen bestimmten Stein zu warten, denn der kam in der Regel nicht rechtzeitig. Wenn man die Mitte komplett besetzt hatte, waren die langen waagrechten oder senkrechten Klötzchen kaum noch unterzubringen. Es half, Bedarfsplätze für Kreuze freizuhalten, denn diese bedeuteten im fortgeschrittenen Spiel oft den k.o. Außerdem dufte man sich vor einem chaotischen Spielfeld nicht fürchten. Ein unsystematischer Aufbau bot oft ungeahnte Chancen, weil er sich mit der Zufallskomponente des Spiels aufs Schönste verband. So schnell er manchmal zu einem schnellen Ende führte, so weit konnte man damit kommen. Wenn man Glück hatte und die richtigen Steine kamen. Man musste dem Zufall also zum Durchbruch verhelfen. Er nannte es „die Welle reiten“, denn jeder neue Stein konnte das Aus bedeuten, aber es machte umso mehr Spaß, wenn man doch weiterkam.
So schaffte er unglaubliche 1876 Punkte. Doch das war das Ende. Obwohl er jetzt täglich mehrere Stunden spielte, vermochte er es nicht, diese magische Grenze zu durchbrechen. Sein Ziel, der fünfte Platz auf der Weltrangliste, lag in greifbarer Nähe, doch er kam nicht weiter. Dass er besser geworden war, war offensichtlich. Es bereitete ihm keine Mühe mehr, täglich mindestens 1000 Punkten zu schaffen, etwas, was in den ersten Tagen und Wochen weit außerhalb seiner Möglichkeiten gewesen war. Doch der ganz große Sprung blieb aus. Vielleicht bedurfte es weiterer Regeln, die er entdecken musste, vielleicht einer ganz besonders großen Portion Glück. Er war ratlos. Seine Frau hingegen lobte ihn für seine Leistung. Ihr eigener Rekord lag nach eigenem Bekunden bei gerade einmal 1207 Punkten. Doch das tröstete ihn nicht.
Das Spielen strengte ihn mittlerweile fast mehr an als seine eigentliche berufliche Tätigkeit als Fluglotse. Und im Grunde bedurfte es bei beiden ähnlicher Fähigkeiten: ein begrenzter Raum musste effektiv genutzt werden, möglichst viele Objekte sollten ihn betreten und so schnell wie möglich wieder verlassen. Doch mit dem Spiel haderte er. Er fühlte sich überfordert. Er spürte, dass ihm etwas fehlte, um wirkliche Höchstleistungen zu vollbringen. Und obwohl er beständig an sich arbeitete, wollte ihm der Durchbruch nicht gelingen.
Bei näherem Hinsehen fand er viele alltägliche Tätigkeiten, die dem Spiel ähnelten. Wenn er zum Beispiel den Tisch deckte, ertappte er sich dabei, wie er Teller, Besteck und Servierschalen in Holzklötzchen übersetzte: Die Teller waren die gefürchteten Kreuze, Messer, Löffel und Gabel die rettenden Einser oder Zweier, die die Lücken füllten. Die Schalen dazwischen ähnelten den Klammern, die unnötig Platz beanspruchten.
Irgendwann meinte er, seine ganze Welt drehe sich um das Klötzchenspiel. Nachts schlief er schlecht und träumte noch schlechter. Er träumte abstrakte Träume, die ihm Angst machten. Abstrakt deshalb, weil darin geometrische Figuren vom Himmel regneten, die er so schnell wie möglich sortieren musste, damit sie sich nicht auf dem Boden türmten. Ein multidimensionales Tetris, das ihn mit atemberaubender Geschwindigkeit unter Druck setzte.
Eines Nachts träumte er von Sushi. Seine Frau und er aßen gerne japanisch und bestellten sich manchmal eine Platte bei einem Lieferdienst. In seinem Traum waren verschiedene Sushis auf einem hölzernen Feld in komplizierten Mustern angeordnet. Es waren Nigiri, Maki, Tekka, Chiroshis und einige Sorten mehr, die er nicht kannte. Seine Aufgabe bestand darin, sie in einer bestimmten Reihenfolge zu essen. Die Makis zum Schluss, denn sonst würde ihm schlecht werden.
An diesem Abend vertraute er sich seiner Frau an. Erst lachte sie, dann wurde sie ernst. Vielleicht sollten wir aufhören, dieses Spiel zu spielen, meinte sie. Oder eine Pause machen. Sie schlug sogar vor, die App zu löschen, jetzt gleich, doch dann wären alle Spielstände verloren gegangen. Ihm war nach Heulen zumute. Außerdem hatte er seit Tagen Kopfschmerzen.
Ich habe das Gefühl, dass das Spiel mein Gehirn verändert hat. Er tippte sich an die Stirn. Alles, was ich sehe, sehe ich durch die Brille dieses Spieles, alles wird zu Klötzchen, jede Handlung dient dazu, sie anzuordnen und möglichst schnell verschwinden zu lassen. Etwas sitzt hier drin in meinem Kopf, er lehnte sich an die Schulter seiner Frau, und frisst mich von innen auf. Manchmal denke ich, dass es Außerirdische sind, die von uns Besitz ergriffen haben. Sie lachte auf. Na, komm, hör auf! Außerirdische! Ich glaube, du entwickelst eine Paranoia. Und du? Er richtete sich auf, wie geht es dir damit. Du spielst doch mindestens so viel wie ich.
Das stimmte. Doch sie bildete sich ein, zwischen Spiel und wirklichem Leben trennen zu können. Obwohl auch sie durchaus Parallelen zu ihrem Beruf sah, schließlich schnitt sie Stoffe zu geometrischen Gebilden und fügte die Teile zu etwas Größerem zusammen, blieb das Spiel ein Spiel mit einfachen Regeln. Auch sie hatte Ehrgeiz entwickelt und wollte beständig besser werden. In letzter Zeit schielte sie sogar auf die Weltrangliste, zumindest war es ihr ein Anliegen, ihrem Mann ebenbürtig zu sein. Das hatte sie zwar nie offen ausgesprochen, sie achtete aber genau auf seine Höchststände und war stolz darauf, dass ihr eigener High-Score mittlerweile bei über 2200 Punkten lag. Meilenweit über den kümmerlichen 1800 Punkten ihres Mannes. Das hätte sie ihm aber nie gesagt.
Sie beschlossen aufzuhören. Sie tat sogar so, als hätte sie ihre App gelöscht. Wenn sie abends vor dem Fernsehen bei einem Gals Wein auf der Coach saßen, fragten sie sich gegenseitig, ob sie an diesem Tag gespielt hätten. Beide beteuerten, dass es endgültig vorbei sei. Ich habe heute nicht gespielt, behauptete er. Ich auch nicht, log sie.
Beide spielten heimlich. Sie, wenn er Spätdienst hatte, er zog sich manchmal in sein Zimmer zurück und behauptete, Lesen zu wollen. Hin und wieder verschwand einer von ihnen ins Bad und schloss sich ein. So vergingen zwei weitere Wochen. Obwohl sie beide der vermeintlichen Ruhe nicht trauten, begnügten sie sich mit dem, was der andere behauptete und bohrten nicht weiter nach.
Es war an einem dieser Abende, an denen er Spätdienst hatte, als das Telefon klingelte. Sie war früh nach Hause gekommen, um den Abend möglichst ganz ausschöpfen zu können, hatte es sich auf der großen Liegefläche ihrer Sitzlandschaft bequem gemacht, Knabberzeug und Wein bereitgestellt und freute sich auf einen langen, ungestörten Spieleabend. Sie spürte, dass es ein besonderer Tag war, heute würde sie eine neue Höchstleistung vollbringen, dessen war sie sich sicher. Sie fühlte sich ausgeruht, konzentriert, zu allem bereit. Heute würde sie es ihrem eingebildeten Mann zeigen und ihn, wenn er nach Hause kam, mit den legendären 2500 Punkten überraschen, dem fünften Platz auf der Weltrangliste. Dann würde er zugeben müssen, dass sie besser war als er, dass sein vermeintlich hochentwickelter Intellekt ihrem kreativen Geist hoffnungslos unterlegen war. Denn für dieses Spiel reichte rein logisches Denken nicht aus, davon war sie überzeugt, es brauchte die besondere Gabe zu ungewöhnlichen Zügen, den Mut, Dinge zu tun, die zwar auf den ersten Blick falsch aussahen, sich aber später dann umso mehr lohnten.
Sie war auf sein Gesicht gespannt, wenn sie ihm ihr Handy nonchalant hinüberreichen und auf den neuen Höchststand tippen würde. Außerdem war ihr Mann psychisch labil. Er nahm das Spiel zu ernst, hatte es viel zu nahe an sich herangelassen, ihn fast zu einem Tumor gemacht, der ihn von innen auffraß. Gut, dass er aufgehört hatte oder zumindest deutlich weniger spielte. Das konnte ihm nur helfen und ihr auch, denn so hatte sie freie Bahn, als Erste ans Ziel zu gelangen.
Sie hatte tatsächlich einen Lauf. Die 1000 Punkte erreichte sie fast mühelos. Dann kam eine schwierige Phase, in der sich das Spielfeld immer weiter füllte. Doch sie hatte Glück, das notwendige Quäntchen, und die richtigen Klötzchen kamen. Wie von Wunderhand materialisierte genau das, was sie gerade brauchte, und das Brett leerte sich wieder. Bei 1500 Punkte war kaum noch ein Stein auf dem Spielfeld. So gut hatte es bisher noch nie ausgesehen. Sie nahm sich sogar Zeit, einen Schluck Wein zu trinken. Sie spürte, wie ihr Herz hämmerte. Dann klingelte das Festnetztelefon. Es war die Arbeitsstelle ihres Mannes, die deutsche Flugsicherung.
Sie hätte das Spiel beiseitelegen können, um in Ruhe zu telefonieren, doch dazu war sie zu aufgeregt. Sie stand einen Schritt vor ihrem größten Triumph und war nicht bereit, diesen auf nur eine Sekunde hinauszuzögern.
Ihr Mann habe einen Nervenzusammenbruch erlitten uns sei in die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Darmstadt eingewiesen worden. Obwohl sie nur mit halbem Ohr zugehört hatte, erschrak sie. Sie setzte sich auf. Was? fragte sie fassungslos.
Am Telefon war der Partner ihres Mannes, mit dem er seit Jahren ein Team bildete. Auch er schien bestürzt. Unzusammenhängend erzählte er ihr, was sich ereignet hatte.
An diesem ersten Feriensamstag sei viel losgewesen. Fast zweitausend Flugbewegungen, ein neuer Rekord. Sie hätten manchmal fünfzehn Maschinen gleichzeitig koordinieren müssen, eine fast übermenschliche Leistung. Irgendwann mitten im abendlichen Abflugverkehr sei ihr Mann plötzlich aufgesprungen und habe angefangen, ins Mikrofon zu brüllen: Verlasst sofort meinen Luftraum! Ihr verstopft meinen Luftraum! Das hatte er ständig wiederholt. Er hätte den Cockpitbesatzungen die Anweisung gegeben, sofort zu steigen oder zu sinken, abzudrehen, zurückzufliegen oder sich sonst wohin zu verziehen. Eine Maschine hatte die Mindestflughöhe unterschritten, zwei weitere waren sich gefährlich nahegekommen. Wenn er nicht selbst sofort eingeschritten wäre, hätte es zu einer Katastrophe kommen können. Schließlich habe man ihn mit Gewalt von seinem Arbeitsplatz entfernen müssen. Man habe ihn ruhig gestellt und nach Darmstadt gebracht. Ja, Sie können ihn besuchen, aber vermutlich schläft er, sagte der Kollege noch und bat sie, ihm eine Tasche mit Kleidung und Waschzeug zu bringen.
Sie war erschüttert, hatte aber noch den einen oder anderen guten Zug gefunden. Doch die Konzentration war weg. Die Gewissheit, heute das Unmögliche zu vollbringen, war eine Unruhe gewichen, der Angst auf den letzten Metern zu versagen. Musste ihr Mann ausgerechnet heute das Spiel verderben! 2100 Punkte, bald hätte sie ihren eigenen Höchststand eingestellt, doch die 2500 erschienen plötzlich in unerreichbarer Ferne.
Und sie war nicht mehr ganz bei der Sache. Im Geiste packte sie eine Tasche, überlegte, welche Kleidungsstücke in welcher Reihenfolge zusammengelegt werden mussten und wie man den Platz in der braunen Harrods-Ledertasche bestmöglich ausnutzte, dann fragte sie sich, ob sie bei der Konditorei Schiller vorbeifahren sollte, um ihm etwas mitzubringen. Er mochte Macarons, doch das schien ihr unpassend. Diese waren schließlich rund. Sie brauchte etwas Eckiges. Petit Fours vielleicht, die ließen sich gut stapeln und in eine Schachtel packen.
Plötzlich wurde der Bildschirm ihres Smartphones dunkel: KEIN PLATZ MEHR. Ungläubig starrte sie darauf. Ihr vielleicht bestes Spiel war vorbei. Verloren. Gerade einmal 2134 Punkte. Wer weiß, wann sie eine zweite Chance hätte, ihren eigenen High-Score zu schlagen. Doch jetzt musste sie ins Krankenhaus zu ihrem Mann. Sie stand auf. Draußen war es dunkel geworden. Eine laue Sommernacht hatte begonnen. Sie setzte sich wieder hin und startete die App erneut. Für ein letztes Spiel war noch Zeit, für ein allerletztes. Gleich danach würde sie losfahren.