Vor über fünfzig Jahren war er losgegangen, mit einem Koffer aus Pappe und im Herzen ein Versprechen, das er jemandem gestohlen hatte. Doch sie hatten ihn nur gebraucht, nicht geliebt. Nicht ihn, Paolo, sondern Hände, die schufteten, Schultern, die Last trugen, Münder, die schwiegen. Die Heimat war ein Wort geblieben, das in keiner seiner beiden Sprachen wirklich vorkam. Zu Hause war, wo man wusste, wie der Herd klang, wenn die Flamme ansprang.
Einmal, vor vielen Jahren, hatte er fast den Rückflug verpasst. Am Bahnsteig in Mannheim hatte ein kleiner Junge ihm gewunken. Paolo hatte sich umgesehen, doch niemand sonst war gemeint. Der Junge war einfach losgerannt, hatte sich an sein Bein geklammert und „Papa!“ gerufen. Es war nicht sein Sohn. Es war ein Irrtum, wie so vieles. Aber Paolo hatte diesen Moment bewahrt wie eine Münze in der Manteltasche – bedeutungslos, aber glatt und tröstlich.
Jetzt ist er auf dem Weg zurück. Vielleicht zum letzten Mal. In dem Dorf bei Neapel wartet niemand mehr – außer den Hügeln, den Zypressen, dem stillen Brunnen hinter der alten Schule. Paolo weiß nicht, ob er wirklich ankommen wird – oder ob das Ankommen längst geschehen ist, damals, als er begriff, dass kein Weg zurückführt. Nur nach innen. Nur dorthin, wo der Geruch der Tomatensauce nie vergeht.
Im Flugzeug riecht es nach Plastik, kaltem Kaffee und dem säuerlichen Schweiß der Müdigkeit. Paolo sitzt am Gang, hat der alten Frau den Fensterplatz überlassen. Sie döst mit geschlossenen Augen, einen abgewetzten Rosenkranz in der Hand. Er beobachtet die anderen Passagiere: einen jungen Mann mit AirPods, der stumm zur Musik nickt; eine Familie, die sich leise in einem sizilianischen Dialekt zankt; eine blonde Frau in Businesskleidung, die ungeduldig auf ihrem Tablet scrollt, als könne sie das Ziel dadurch schneller erreichen.
Draußen ist der Himmel blass, fast weiß – wie ein zu oft gewaschenes Laken.
„Signore e signori, wir bitten Sie, sich anzuschnallen. Es kann zu Turbulenzen kommen“, sagt eine Stimme, mechanisch freundlich, auf Italienisch und Deutsch.
Paolo lehnt sich zurück. Er spürt das Gewicht der Jahre in seinen Knien, in den Schultern, die Zementsäcke getragen haben, Holzbalken – und das Schweigen. Er erinnert sich, wie das Fliegen einst ein Versprechen war – und kein Weg zurück.
Der Flieger beginnt zu vibrieren, kaum spürbar. Wie ein Zweifel, der sich festsetzt. Paolo greift nach dem Plastikbecher auf dem Klapptisch. Der Kaffee ist kalt.
Er denkt an das Dorf. An den Feigenbaum im Hof seines Onkels. An das erste Mal, als er Schnee gesehen hat, in einem Bahnhof in Bayern.
Das Surren der Triebwerke wird lauter. Nicht abrupt. Eher wie eine Ahnung, die sich langsam in den Körper frisst.
Eine Frau weiter vorn schnallt sich hastig an. Die Blonde hat das Tablet sinken lassen.
Paolo sieht Tropfen am Fenster. Sie laufen schräg. Da weiß er, dass etwas nicht stimmt, dass sie sinken. Schnell. Und jetzt spürt es auch im Magen.
Das metallene Heulen des Triebwerks ist längst kein normales Dröhnen mehr, es klingt wie der Schrei einer verletzten Kreatur. Paolo presst die Stirn an die kalte Scheibe. Unter ihm scheint die Erde nicht näher zu kommen, sondern sich still abzuwenden, als wolle sie sich entziehen – dem, was jetzt geschieht.
Neben ihm beginnt die alte Frau, mit rissiger Stimme das Vaterunser zu beten – auf Rumänisch. Ihre Worte bleiben in den Windungen der Kabine hängen wie Blätter in einem leeren Brunnen.
Paolo verspürt keinen Schrecken. Nur eine plötzliche, fast kindliche Klarheit – wie in einem Traum, kurz bevor man erwacht.
„Jetzt“, sagt er leise, mehr zu sich selbst als zu irgendwem sonst, „jetzt kommst du heim.“
Er greift in die Jackentasche, findet das vergilbte Foto seiner Mutter: jung, lachend, das Licht der Sonne über der Piazza hinter ihr. Er hält es vor sich wie ein Talisman gegen das Vergessen.
Die Frau neben ihm weint nun lautlos. Jemand schreit. Draußen ziehen Wolken vorbei wie Gedanken an ein vergeudetes Leben.
Dann ein Ruck. Nicht abrupt. Eher wie ein Einlenken. Ein Loslassen.
Paolo schließt die Augen. Es gibt kaum etwas, das er mehr liebt als das Fliegen. Er denkt nicht an den Tod. Er denkt an das kleine Haus bei Neapel. An den Geruch der warmen Tomatensauce. An die Stimme seines Vaters, der ihm einst sagte: „Wenn du fällst, vergiss nicht, dass du ein Adler bist, kein Stein.“
Und so fällt er.