Boston hatte er so schnell verlassen, als flöhe er vor etwas – vor den Erinnerungen vielleicht, und der Angst, dass sich alles verändert hatte. Oder schlimmer noch, dass alles noch immer wie damals war.
Noch im Landeanflug über die weit verstreuten Hafenanlagen hatte er die Füße gegen den Vordersitz gestemmt und dann die Augen geschlossen. Amerika, hatte er geseufzt und an die alte Beschwörungsformel seiner Kindheit gedacht. Ja, er hatte schon als Kind von Amerika geträumt und in seiner Jugend dieses Versprechen gegen die Gleichartigen verteidigt, die auf der Seite der Vietcong standen.
Und jetzt? War er hier, um dieses Land wieder zu verteidigen? Um sich nach seinem letzten Besuch vor mehr als zehn Jahren ein eigenes Bild zu machen? Vielleicht.
Boston hatte er sich bewusst als erstes Ziel ausgesucht. Eine Stadt, deren Universitäten er gut kannte und die als die europäischste aller amerikanischen Großstädte galt – obwohl das nur zum Teil stimmte. Den mittleren Westen kannte er kaum, den fernen schon gar nicht. Und doch zog es ihn dahin, vielleicht, weil er dort das echte, das wahre Amerika vermutete.
An Boston bewunderte er die Art-déco-Architektur und den Big Dig – diese fast übermenschliche Anstrengung, Boston vom Verkehr zu befreien. Beim letzten Besuch hatte er sich gefühlt wie auf einem Ameisenhaufen, in dem sich täglich eine halbe Million Autos hindurchpressten.
Deshalb vielleicht gleich weiter mit dem Mietwagen zur Halbinsel, die auf der anderen Seite in Sichtweite lag – ein langgestreckter Wurm, der sich durch die Bucht schlängelte, als wolle er nie enden.
Die Einreiseprozedur war erstaunlich effizient gewesen. Keine stundenlangen Wartezeiten wie seinerzeit am JFK, keine Menschenschlangen, die ergeben in den unterirdischen Korridoren harrten, keine Aufsichtspersonen, die wie Wärter Befehle brüllten und Kinder zum Weinen brachten. Boston schien die neue Einreisepolitik mit einem Lächeln bewältigen zu wollen.
Er hatte vergessen, wie lang die Fahrt war. Drei Stunden, in denen er in einer anderen Welt angekommen war. Cape Cod war flach, gekämmt und gesichert gegen jeden Zufall. Der Verkehr wurde spärlicher, die Häuser weißer, die Fensterläden blauer. Hinter den Dünen flackerte manchmal das Meer auf. In Wellfleet hatte er kurz gehalten, um einen Kaffee zu trinken, aber der Ort war so still, dass er sich beobachtet fühlte – als hätte sein europäisches Gesicht etwas Falsches.
Provincetown begrüßte ihn mit einer unscheinbaren Tankstelle, einem Schild, das für Austern warb, und der vertrauten Silhouette des Pilgrim Monument, das wie ein mahnender Finger über dem Ort stand. Er fuhr die Commercial Street entlang, langsam, fast ehrfürchtig. Es war mehr als zehn Jahre her, dass er hier gewesen war. Damals war August gewesen, es war heiß, laut, überbordend – die Straßen voll von Menschen in Glitzerkostümen, nackten Oberkörpern, theatralischen Stimmen. Er erinnerte sich an einen Drag King, der Shakespeare auf einer Bierkiste deklamierte, und an ihre Küsse in einer Seitengasse.
Jetzt war April. Vorsaison. Das Meer grau, der Wind kalt, und die Stadt aufgeräumt wie das Schaufenster eines skandinavischen Möbelhauses. Die Farben der Häuser waren gedämpft, selbst die Regenbogenflaggen schienen ausgebleicht. Sein Bed & Breakfast lag in einem der viktorianischen Holzhäuser nahe der Uferstraße, davor eine kleine Veranda, auf der zwei Schaukelstühle standen, auf denen niemand saß. Der Besitzer öffnete nach dem dritten Klingeln. Ein hagerer Mann in den Sechzigern, graues Haar, gepflegt, höflich, aber müde. „Sie sind der Deutsche?“ Er nickte. „Kommen Sie rein. Ich hab Ihnen das vordere Zimmer gegeben. Da ist das Licht besser.“
Das Zimmer roch nach Lavendel und altem Holz. Es gab ein Bücherregal mit alten politischen Titeln. Er duschte, wechselte das Hemd, ging hinaus. Der Wind wehte schräg vom Meer, als wollte er ihn zurück nach Europa treiben.
Er lief bis zur Mole und setzte sich auf die Betonstufen. Die Boote im Hafen lagen still, als hätten die Fischer aufgegeben und die Touristen wären nie gekommen. Eine junge Frau ging vorbei, mit einem Hund, der einen blauen Pullover trug. Er lächelte ihr zu, sie nickte kaum merklich und schaute schnell weg. Er fragte sich, ob sie wusste, was Provincetown einmal gewesen war – oder ob das nur noch Geschichten von alten Männern waren, die zu viele Erinnerungen hatten.
Er zog das Notizbuch aus der Jackentasche, blätterte. Auf einer der leeren Seiten schrieb er: Freiheit fühlt sich anders an. Dann schloss er es wieder und sah aufs Meer. Der Wind hatte nachgelassen. In der Ferne schaukelte ein kleines Boot – oder eine Boje.
Später, nach dem Abendessen, saßen sie noch auf der Veranda der Pension. Das letzte Licht erlosch über der Bucht, Möwen kreischten im Dunst, und aus dem Küchenfenster wehte leise Billie Holiday in den Abend. Helen schenkte ihm Tee nach.
„Früher“, sagte Dan und rieb sich fröstelnd die Hände, „kamen die Leute her, um ihre Ruhe zu haben. Heute kommen sie, um sich die Wut aus der Seele zu klopfen.“
„Weißt du, was ich manchmal denke?“ ergänzte Helen. „Dieses Land schreit, weil es Angst hat. Wie ein Tier, das in der Falle sitzt.“
Er zögerte. „Ist es wirklich so viel schlimmer geworden?“
„Nein“, sagte Helen, „nicht schlimmer. Nur sichtbarer. Die Leute waren schon immer so. Früher haben sie sich mehr Mühe gegeben, es zu verbergen. Und jetzt hat ihnen jemand gesagt, sie sollen stolz drauf sein.“
Er merkte, wie sie den Namen des Unsäglichen vermieden, als wäre er der Teufel selbst. Und doch sah er ihnen an, wie schwer es ihnen fiel.
„Und hier?“ fragte er. „Was hat sich geändert?“
Helen zuckte mit den Schultern. „Die Stadt hält zusammen. Noch. Aber du merkst es bei den Sommergästen. Weniger New York, mehr Texas. Weniger lässig, mehr Prinzipien.“
Dan lachte trocken. „Der Patriotismus riecht nach Sonnencreme und Waffenrecht.“
Helen trank einen Schluck Tee und sah hinaus in die aufziehende Nacht. „Provincetown war immer ein Zufluchtsort. Für Künstler. Für Schwule. Für Menschen, die zu zart sind für den Rest der Welt. Jetzt ist es ein Ort für Menschen auf der Flucht. Auch wenn sie’s selbst noch nicht wissen.“
„So wie ihr?“ fragte er.
Er bereute es in dem Moment, in dem er es ausgesprochen hatte.
Helen legte ihre Hand auf Dans Arm.
Dan antwortete: „Wir? Wir haben früher in Boston gelebt… Das reicht für ein ganzes Leben. Amerika ist mehr. Mehr als eine Stadt, mehr als ein Staat, mehr als ein einzelner Mensch. Das ist seine eigentliche Stärke.“
„Wir sind wie jemand mit multipler Persönlichkeitsstörung“, sagte Helen. „Du siehst all die Gesichter und merkst nicht, wenn du in einen Spiegel schaust.“ Sie sah Dan an. „Aber wenn du das Gebrüll außen vor lässt – die Empörung, das Theater – und wirklich genau hinhörst, dann ist da irgendwo ganz leise das Weinen eines Kindes. Und dafür lohnt es sich, weiterzumachen.“
Dann standen sie auf, als wäre alles gesagt. „Bleib ruhig sitzen“, sagte Helen. „So lange du willst.“
Am nächsten Morgen fiel das Licht grell und gnadenlos wie das Erwachen aus einem zu kurzen Traum. Die Veranda glänzte noch feucht vom Tau. Helen hatte ihm ein Papiertütchen mit Muffins in die Hand gedrückt – „für unterwegs“, hatte sie gesagt, als hätte sie geahnt, dass ihm heute nicht nach Frühstück war. Dan hob nur kurz die Hand, sagte aber nichts. Vielleicht war das ihr stilles Ritual mit all den Durchreisenden, die hier Halt machten, bevor sie sich wieder aufmachten in ein Land, das keiner mehr verstand.
Er fuhr den Mietwagen die Route 6 zurück, vorbei an Wellfleet, Orleans, dem dunstigen Nickerson State Park. Irgendwo in der Ferne klang der dumpfe Pfiff eines Zuges. Das Radio spielte erst Country, dann Predigten, dann Werbung für eine Waffenmesse. Er ließ es laufen. Es hatte etwas Tröstliches, dieses ungewollte Amerika, das sich über den Äther drängte wie Schweiß unter Polyester.
Sie lebte jetzt in einer viktorianischen Villa in Hudson, New York. Lehrstuhl für Kommunikationspolitik, regelmäßige Kolumnistin in einer Zeitschrift, die sich Real Talk nannte. Ein Hund, ein gepflegter Garten, ein neuer Mann, von dem sie in ihrer letzten Mail geschrieben hatte, er wisse, was er wolle – was immer das heißen sollte.
Er hatte sie vor zehn Jahren an der Boston University kennengelernt. Er ein bereits angegrauter Gastprofessor aus dem fernen Europa, sie eine ehrgeizige Doktorandin: klug, schnell, gefährlich. Sie roch nach Leder und Apfelshampoo und sagte Dinge wie: „Wenn man nichts riskiert, bleibt nur Zynismus.“ Er hatte das beeindruckend gefunden.
Eine unmögliche Liebesgeschichte, nicht nur wegen des Altersunterschieds. An einem gemeinsamen Wochenende auf Cape Cod hatte alles begonnen. Ein billiges Motel mit hellblauer Leuchtreklame und Blick auf das Watt. Sie hatte nackt getanzt, während der Sturm draußen gegen die Scheiben peitschte. Er hatte gedacht: Das ist Amerika. Wild, widersprüchlich, verheißungsvoll – und wahrscheinlich nur ein Traum, aus dem er bald aufwachte.
Der Herbst kam, die Zweifel – und noch etwas anderes, das er nicht benennen konnte.
Zuerst hielt er es für Ironie. Dann für Trotz. Dann für eine Masche.
Aber sie blieb dabei. Redete von Souveränität, von neuer Verantwortung, von der Arroganz der liberalen Eliten. Und er begriff: Er war selbst gemeint.
Kürzlich hatte sie ihm geschrieben: „Unsere Geschichte – das war ein Fehler. Du warst der letzte Irrtum meines alten Ichs.“
Jetzt fuhr er zu ihr. Nicht, um sie zurückzuerobern. Nicht einmal, um zu streiten. Er fuhr hin, um zu sehen, ob sie mit ihrem neuen Leben glücklich war – und vielleicht auch, um sich in ihren Augen wiederzuerkennen.
Die Straße war gesäumt von gepflegten Häusern mit Flaggenhaltern und frisch gestrichenen Fensterläden. Über den Verandastufen lagen Schatten wie auf einem alten Gemälde. Ihr Haus war das erste direkt nach der Kurve – hellgraues Holz, dunkelrote Akzente. Ein Hybridwagen stand in der Einfahrt, daneben eine frisch gestrichene Kinderschaukel.
Er dauerte lange, bis sie öffnete. Sie trug ein blaues Leinenkleid und hatte das Haar kürzer als früher. Sie hatte zugenommen – eine kaum wahrnehmbare Schwere, die sich über ihren damals hageren Körper gelegt hatte und ihr gut stand. Ihr Blick war wachsam, fast streng. Kein Lächeln.
Sie hatte sich kaum verändert – zumindest auf den ersten Blick. „Du bist also doch gekommen“, sagte Hannah. Er hatte sie früher Anna genannt. Das klang für ihn vertrauter, europäischer. Als ließe sich mit einem anderen Namen etwas richten, das nie wirklich passen würde.
„Du hast mich eingeladen.“
„Ich habe dich nur eingeladen, weil ich sicher war, dass du nicht kommst.“
Einen Moment standen sie verlegen im Eingangsbereich. Aus dem Inneren des Hauses drang das Bellen eines Hundes hinter einer geschlossenen Tür. „Dann komm rein“, sagte sie schließlich.
„Ich bin auf dem Weg nach Washington D.C.“, erwiderte er, als müsse er sein Erscheinen rechtfertigen. „Ich halte einen Vortrag am Atlantic Institute.“
„Gibt es immer noch Leute, die dich hören wollen?“
Er antwortete nicht.
Sie führte ihn ins Wohnzimmer, das nach einem dieser Düfte roch, die in teuren Läden „Calm“ oder „Sage“ heißen. Der Raum war hell, klar eingerichtet, durchdacht. Ein schmaler Kamin, darüber ein gerahmtes Schwarzweißfoto von einem See im Morgennebel. Ein anthrazitfarbener Sessel mit abgewetzten Armlehnen, daneben ein Beistelltisch mit einer Tasse, einem Buch mit Eselsohren, einer Lesebrille. Auf dem Couchtisch lag ein Stapel Real Talk-Ausgaben und eine flache Schale mit glatten Steinen – vielleicht vom Hudson River.
„Schön hast du es hier“, sagte er, um etwas zu sagen. „Dein Mann …?“
„Tom muss arbeiten“, sie ging in die Küche, um ihm einen Kaffee zu machen. „Im hiesigen Krankenhaus, Schichtbetrieb“, rief sie herüber.
Er setzte sich in den dunklen Sessel und streckte die Beine aus. Was wollte er hier? Wer war Hannah, wer war Tom? Plötzlich wusste er nicht mehr, warum er gekommen war.
Sie kam zurück, lächelte plötzlich, war ein wenig mehr wie früher. Wann hatte er sie verloren? überlegte er. Nicht in Cape Cod und auch nicht als sie gemeinsam zu ihren Eltern gefahren waren, in das weiße Holzhaus in den Green Mountains, Vermont, mit der steinernen Terrasse und dem Blick auf ein dunkles Tal. Ihre Mutter hatte zu viele Fragen gestellt, ihr Vater zu wenige. Er war der Exot gewesen, der Tanzbär am Tisch. Und sie hatte geschwiegen.
Es war nicht das Falsche, das damals zwischen ihnen stand, sondern das Fremde – ein stilles Gefälle, das erst Jahre später zum Abgrund wurde.
Er erinnerte sich an das Gespräch auf der Terrasse jenes Abends in Vermont. Ihr Onkel hatte eine Fahne gehisst, es gab Pumpkin Pie, jemand spielte „American Tune“ auf der Gitarre. Sie fragte ihn plötzlich, was er an ihrem Land vermisse. „Das Misstrauen gegen die großen Versprechen“, hatte er gesagt. Sie hatte genickt, aber nicht verstanden – vielleicht nur ein Unbehagen gespürt. Etwas Trennendes.
Der Bruch war später gekommen, viel später. Nicht durch einen Streit, keine Affäre, kein Verrat. Sondern schleichend. Wie ein Riss in einer Glasscheibe, der sich langsam ausbreitet.
In New Haven, bei einer Podiumsdiskussion sprach sie von neuen Narrativen. Er warnte vor neuen Dogmen. Später, im Hotel, hatte sie kaum noch mit ihm gesprochen. Und in der Nacht war da zum ersten Mal diese seltsame Leere zwischen ihnen gewesen – wie eine Tür, die sich schloss, ohne dass jemand sie zugeschlagen hätte.
Am nächsten Morgen hatte sie einen Satz gesagt, der ihn bis heute verfolgte: „Du rechnest immer mit dem Schlimmsten und bist dann fast froh, wenn ein eintritt.“ Er hatte ihr nicht geantwortet. Nicht, weil er nicht gekonnt hätte, sondern weil er plötzlich wusste, dass sie recht hatte. Er kam aus einer Welt, in der große Ideen sich immer als gefährlich erwiesen hatten. Sie aus einer, in der man große Ideen brauchte.
Dieses Mal in Hudson war es schließlich ein erstaunlich entspanntes Gespräch geworden, vielleicht, weil sie die Vergangenheit ausgeklammert hatten und einen guten Teil der Gegenwart. Sie hatten über den Alltag gesprochen, ihren und seinen. Über die Schule ihrer Tochter, ihren Job, den immerwährenden Kulturkampf an der Uni.
Nur ganz zum Schluss, als er schon aufgestanden war und den Mantel über den Arm gelegt hatte, wurde es grundsätzlich. Vielleicht, weil keiner von beiden wollte, dass es bei Belanglosem blieb. Vielleicht hatte ein dahingesagter Satz gereicht – etwas über Aufbruch oder Resignation, er erinnerte sich nicht genau –, und plötzlich stand das Thema im Raum, groß und sperrig wie immer.
„Biden war nur das Nachglühen einer untergehenden Ordnung“, sagte sie. „Ein letztes Aufbäumen des Establishments. Vier verlorene Jahre. Trump ist kein Betriebsunfall. Wer heute noch an etwas Vorübergehendes glaubt, hat nichts verstanden. Er ist das Gesicht eines Wandels, der längst vor ihm eingesetzt hatte – die logische Fortsetzung von etwas, das größer ist als wir alle. Keine Anomalie. Nenn es Geschichte. Ein epochaler Prozess, dem sich niemand entgegenstellen kann.“
Sie sagte das mit einer Klarheit, die ihn traf. Er hätte ihr widersprechen können, etwas einwenden gegen diese scheinbare historische Zwangsläufigkeit. Aber er wusste, dass eine solche Diskussion nirgendwohin führte.
Er übernachtete in einem typischen amerikanischen Motel, ein paar Kilometer südlich. Während er auf dem Bett lag und dem flackernden Licht der Reklame zusah, wünschte er sich plötzlich, mehr Zeit mit Hannah verbringen zu können. Ihr Wiedersehen hatte eine alte Sehnsucht geweckt, die umso schmerzlicher wurde, je klarer er sah, wie aussichtslos sie war.
Am nächsten Morgen brach er früh auf. Er hatte gut geschlafen, dann einen großen Kaffee getrunken und ein Bagel mit Blaubeermarmelade gegessen.
Die Straße Richtung Süden war gesäumt von Werbeschildern, die er unwillkürlich las – Botschaften, die in Deutschland fehlten und hier umso mehr auffielen: Freedom Fence Company. Jesus Saves. Veterans for Life. Dazwischen rostige Verkaufsstände mit Pfirsichen, Honig, Fahnen in allen Größen.
Er fuhr ohne Musik. Das ewige Country-Gedudel hätte er an diesem Tag nicht ertragen. Auch das war neu. Früher hätte er die Stille gefürchtet. Heute fürchtete er ein plötzliches Interview, einen Bericht, irgendetwas, das politisch hätte gedeutet werden können.
Hudson lag hinter ihm. Zurückgeschaut hatte er nicht mehr. Ihr Haus, ihre Stimme, die Tasse auf dem Tisch – alles hatte sich zu einem Stillleben verfestigt, das wie Hopper-Bild, das ein Rockwell werden sollte.
Du warst ein Fehler.
Der Satz hallte nach. Nicht, weil er überraschend gewesen wäre. Sondern weil er so genau saß.
Er hatte sie damals nicht beschützt. Nicht vor ihm und auch nicht vor der Sehnsucht, eine andere zu werden. Er hatte sich an ihrer Energie berauscht und sie dann auskühlen lassen wie einen Tee, den man vergaß. Vielleicht hatte Trump ihr nur gegeben, was er ihr nie hatte geben können: das Gefühl dazuzugehören.
Kurz nach Poughkeepsie fing es an zu regnen. Langsam zuerst, dann in dicken Tropfen. Er fuhr rechts ran, stellte den Motor ab und ließ die Scheiben beschlagen. Draußen zog ein Güterzug vorbei. Langsam, monoton, endlos – ein Körper ohne Ziel, ohne Ursprung, der sich in alle Richtungen verlor.
Er dachte an Helen in Provincetown. An ihren Satz: „Wir sind ein Patient mit multipler Persönlichkeitsstörung.“ Und daran, dass man niemandem vorwerfen kann, wenn er sich für eine dieser Persönlichkeiten entscheidet.
Er musste eingeschlafen sein. Als er die Augen wieder öffnete, hatte der Regen aufgehört. Die Straße war nass. Die Uhr zeigte 14:47. Er startete den Wagen, setzte den Blinker. Washington D.C. lag knapp drei Stunden entfernt. Der nächste – vielleicht der letzte – Halt.
Das Businesshotel, das man ihm in Washington zugeteilt hatte, war funktional, modern, gesichtslos – wie so viele dieser Orte, die man für Stunden betritt, um Hände zu schütteln und gleich wieder zu verschwinden. Die Lobby roch nach chemischen Duftspendern – eine Vanillenote, die so unauffällig und beruhigend wirkte wie das ewige Geklimper in den Fahrstühlen. Er bekam Zimmer 812. Eine schmale Zelle mit Blick auf den Parkplatz.
Sein Vortrag fand in einem Konferenzraum des Hotels statt. Ausrichter war das „Atlantic Institute for Global Strategy“ – ein Name, der klang, als habe er bessere Zeiten gesehen. Früher hatte man mit der der NATO konferiert. Heute war man froh, wenn ein Vertreter der deutschen Botschaft zum Lunch kam.
Der Saal war zur Hälfte gefüllt. Junge Leute mit Tablets, eine Handvoll Anzugsträger mit modischen Brillen und grauen Schläfen, zwei Gesichter, die er von früher kannte. Sie sprachen ein paar Minuten über das Wetter.
Sein Thema war „Vertrauensverlust und neue Asymmetrien – Die Zukunft der transatlantischen Idee“. Er hatte den Text mehrfach überarbeitet, dann wieder vereinfacht und am Ende einfach so gelassen. Er hatte keine Lust mehr zu gefallen. Er war kein Aktivist, kein Erneuerer, kein Hoffnungsträger. Er war Beobachter – nichts weiter.
Er sprach über Wertegemeinschaften, Abgrenzungspolitik, die symbolische Überladung von Freundschaft in einer Welt widersprüchlicher Interessen. Er zitierte Habermas, warnte vor der Illusion gemeinsamer Geschichte – und sprach von Rissen im Fundament.
Ein junger Mann mit Hornbrille sagte am Ende: „Danke für Ihre Einschätzung. Aber glauben Sie nicht, dass es längst um technologischen Vorsprung geht – nicht um Werte?“
Er antwortete: „Möglich.“ Der andere nickte. Kein Streit, keine Diskussion.
Nach dem Vortrag wurde Kaffee serviert. Jemand stellte sich vor, ein anderer sprach von einem Buch, das er schreiben wollte. Dann löste sich die Runde langsam auf.
Er blieb einen Moment im fast leeren Saal stehen. Der Beamer surrte noch, projizierte seine letzte Folie auf die weiße Wand: „Ohne eine gemeinsame Zukunft zerfallen Worte zu Phrasen.“ Es sah jetzt aus wie ein Satz aus einem alten Werbeprospekt.
Er runzelte die Stirn. Vielleicht war es das auch. Früher hatte er geglaubt, seine Texte könnten etwas bewirken – Debatten anstoßen, Zweifel säen, Klarheit schaffen. Heute war er sich nicht mehr sicher, ob irgendjemand noch etwas lesen wollte, das nicht in 280 Zeichen passte.
Er hatte seine halbvolle Tasse gerade abgestellt, als sie auf ihn zukam. Anfang dreißig, schlank, schwarzer Blazer, blutroter Lippenstift.
„Professor Roth?“
Er drehte sich um. Ein kurzer Moment der Überraschung.
„Ich war vor Jahren in einem Ihrer Seminare … oder vielleicht war es ein Vortrag. Ich weiß noch, dass Sie über die transatlantische Idee gesprochen haben.“ Sie fuhr sich durch das Haar, wirkte einen Moment unsicher. Dann sah sie ihn direkt an. „Ich wollte nur sagen – ich habe damals einiges von Ihnen gelesen. Die stille Achse, Das postatlantische Vakuum. Ich erinnere mich nicht an alles, aber … es hat mich beschäftigt.“
Er wusste nicht, ob das ein Kompliment war. Oder eine Warnung. „Und heute?“, fragte er. „Wie lesen sie sich heute?“
Sie zögerte, nahm einen Schluck Wasser. Dann hob sie den Blick. „Es ist lange her.“ Ihr Blick wanderte zur Decke. „Heute sind sie wie Briefe aus einer fernen Vergangenheit, die sich ihrer moralischen Überlegenheit gewiss war.“
Ein Angestellter des Hotels kam und fuhr den Wagen mit dem Kaffeegeschirr hinaus. „Wir schließen jetzt ab“, sagte er in der Tür und klimperte mit den Schlüsseln. Einen Moment lang sahen sie sich ratlos an. „Lassen Sie uns an die Bar gehen“, sagte sie. Er erinnerte sich nicht an ihren Namen. Hatte sie ihn genannt? Sie sah auf ihre Armbanduhr: „Ein Drink. Dann muss ich los.“
Sie saßen am Ende der langen Theke in einer ruhigen Ecke. Aber es war sowieso nicht viel los.
„Und was ist heute angesagt?“ knüpfte er an ihre Bemerkung zur moralischen Überlegenheit an, obwohl er das längst wusste.
„Geschwindigkeit, Lautstärke, Skrupellosigkeit“, antwortete sie und nahm einen Schluck von ihrem Aqua Panna.
Die Härte ihrer Worte überraschte ihn. Er nippte an seinem kubanischen Rum. „Klingt nicht nach Fortschritt“, sagte er.
„Sie werden das neue Amerika erst verstehen, wenn Sie aufhören, in Begriffen wie Fortschritt zu denken.“ Sie sah zu ihm herüber. „Und das ist nicht leicht – glauben Sie mir.“
Draußen in der Hoteleinfahrt hielt eine schwere Limousine. Irgendein Abgeordneter, irgendein Senator. Namen, Titel, Personenschützer. Sie drehte sich zu ihm um und streckte die Hand aus. „Susan“, sagte sie. „Susan Smith.“
Er lachte auf: „Walter Roth.“ – „Ich weiß“, sagte sie. – „Arbeiten Sie hier in D.C.?“, fragte er. „Für das European Futures Office. Ich bin da irgendwann reingerutscht. Mein Vater war noch bei der Weltbank – andere Zeiten. Jetzt arbeite an einem Projekt der Kommission. Analyse, Empfehlungen, niemand hört zu – Sie kennen das.“ Er lächelte. „Oh ja.“ – „Aber manchmal“, sagte sie, „will man einfach nicht, dass alles umsonst war.“
Er sah sie an, zum ersten Mal wirklich. Da war etwas in ihrer Stimme – nicht Respekt, nicht Mitleid. Etwas Seltenes: vielleicht der Wunsch, nicht abzustumpfen.
„Wie lange bleiben Sie in Washington?“ fragte sie.
Er zuckte mit den Schultern. „Morgen noch. Und dann … ich weiß es nicht.“ Er wusste es wirklich nicht. „Ich dachte, ich sehe mir die Mall an. Das übliche Touristenprogramm. Die Museen des Smithsonian …“
„Sie sind zum ersten Mal in Washington?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein. Irgendwann mal – vor langer Zeit.“
„Wenn Sie auf die Mall gehen, besuchen Sie das Martin-Luther-King-Memorial. Ich bin manchmal dort, wenn ich meine Ruhe haben will. Da ist so still – und die Gedanken werden klar, fast durchsichtig.“
Dann reichte sie ihm ihre Visitenkarte. Kein Titel, nur ein Name, eine Nummer, ein QR-Code. Schon im Aufstehen fasste sie nach seinem Arm. „Und falls Sie irgendwann wieder etwas schreiben – ich würde es lesen. Dann hätten Sie schon mal einen Leser “, sie schlug die Augen nieder. Er steckte die Karte ein und nickte. Dann ging sie.
Am nächsten Tag war der Wind schneidend. Die Fahnen rund um das Washington Monument knatterten wie an einem Schiff auf hoher See. Die marmorne Kulisse wirkte wie tot. Ministerien, Gedenkstätten, Archive – Monumente einer Ordnung, die vorgibt, ewig zu sein, aber längst dem Erbe eines untergegangenen Imperiums glich.
Er ging zum Martin-Luther-King-Memorial – in der leisen Hoffnung, Susan wiederzusehen. Sie war nicht da. Natürlich nicht. Er zog ihre Visitenkarte aus der Tasche, drehte sie eine Weile in den Händen, überlegte, ob er sie anrufen sollte. Dann zerriss er sie in kleine Stücke und warf sie in einen Papierkorb.
Im Luftfahrtmuseum war mehr los. Kinder liefen zwischen den Exponaten umher, Schulklassen schoben sich mit müden Gesichtern an den Schautafeln vorbei. Er verweilte lange vor den stählernen Leibern der Bomber und Kampfflugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg – Maschinen, die erstaunlich aktuell wirkten, zeitgemäßer als die Raketentriebwerke und Mondlandemodule der Raumfahrtausstellung gleich nebenan.
Beim kargen Frühstück im Hotel hatte er den morgigen Rückflug umgebucht. Noch wollte er nicht zurück. Er war erst am Anfang dieser Reise in ein anderes Amerika. Er wollte weiter nach Westen. War das nicht immer das Ziel gewesen – damals, für alle, die aufbrachen? Der ferne Westen, der wilde, wie man in Deutschland sagte. Was würde ihn dort erwarten? Ein wenig fürchtete er sich. Ein wenig freute er sich darauf.
Er dachte ein letztes Mal an Susan. An ihre Worte. „Manchmal will man einfach nicht, dass alles umsonst war.“
Dann fuhr er los.