Der Hausmeister war wie jeden Morgen mit dem Fahrrad gekommen. Er hatte es nicht weit, aber er fuhr gern das kurze Stück am Ufer entlang. Dann blickte er hinüber auf die andere Seeseite, wo der Wald begann und das Hotel langestreckt am Ufer thronte. Außerdem fiel ihm das Gehen mittlerweile schwerer. Sein linkes Knie machte ihm zu schaffen.

Heute war der Reiher wieder da. Er saß auf seinem üblichen Stein und schien nachdenklich auf die weite Fläche vor ihm zu starren. Vielleicht ein gutes Zeichen, dachte er.

Er schloss die morsche Holztür auf. Drinnen war es kalt und feucht. Er öffnete das Fenster, um die Läden aufzuziehen. Luft strich herein. Er schnüffelte. Es roch modrig, mehr als sonst. Er seufzte. Es wurde Zeit, sich an die Arbeit zu machen.

Zuerst der obligatorische Rundgang. Er zog die Gummistiefel an.

Auf dem Parkplatz standen keine Autos, aber das hatte er schon bei der Ankunft bemerkt. Sollte sich ein Wanderer hierher verirren, dann käme er später, wenn die Sonne höher stand. Es war noch früh im Jahr, und der morgendliche Dunst hing wie ein Gewirr feuchter Spinnweben über das Gestrüpp.

Er ging um das Vereinsheim herum. Der Garten war ungepflegt. Er kicherte unhörbar. Aber er war kein Gärtner, das war nicht seine Aufgabe, und die Gemeinde hatte kein Geld. Er war für die technische Ausstattung zuständig. Er kicherte erneut.

Die alte Jolle auf dem kleinen Rasen hinter dem Haus lag auf der Seite. Das Holz der Planken faulte bereits. Er mochte das Boot, wie es schief im feuchten Sand lag. Ohne dieses Boot sähe das Haus wie ein ganz normales Haus aus.

Er blieb kurz vor dem verrosteten Schild stehen, das er jeden Morgen auf Augenhöhe passierte: Baden verboten. Eltern haften für ihre Kinder. Ja, die Kinder, dachte er.

Doch jetzt war genug, er ging wieder hinein und machte die Kaffeemaschine an. Darauf freute er sich jeden Tag am meisten. Den Papierkram erledigen, das war der nächste Schritt.

Er nahm das große Logbuch aus der Schublade. Es war aus dunkelblauem Karton und an den Seiten abgegriffen, speckig, obwohl er sich nach dem Einschenken des Kaffees immer die Hände in dem kleinen Waschbecken der Teeküche wusch. Im kleinen Fenster auf der vorderen Umschlagseite stand mit rotem Filzstift geschrieben: 2002. Da hatte er angefangen. Das war vor … Er hätte die Jahre zählen können, verzichtete aber darauf. Die Jahre waren nicht das Problem.

Temperatur? Er sah auf den runden Glasthermometer, der über dem Schreibtisch an der Wand hing. Luftdruck? Er schrieb die Werte sorgfältig in der Spalte für den heutigen Tag. Windrichtung und Windstärke? Einen Moment lang machte er Anstalten aufzustehen, um nach draußen zu gehen, ließ es aber. Er trug etwas ein. Wasserstand? Er überlegte. So wie gestern. Ja, das war korrekt.

Zufrieden klappte er das Buch wieder zu. Jetzt das Eigentliche. Er hatte sich vorgenommen, jeden Tag etwas zu reparieren, auszubessern, notfalls zu erneuern. Er sah zum alten Plastiktelefon mit der Wählscheibe. Wenn er draußen war, würde er keinen Anruf verpassen.

Es war wärmer geworden. Er grüßte Hans, der mit seinem Hund seinen üblichen späten Morgenspaziergang machte, mit einem Nicken. Sie kannten sich von früher. Im Dorf kannte er jeden.

Rechts und links des Vereinsheims ragten zwei hölzerne Stege hinaus. Liegeplätze für zehn Boote. Er schüttelte den Kopf.

Das Holz war dunkelbraun, fast schwarz. Die Dalben, an denen man die Boote festzurrte, geborsten oder abgebrochen. Doch es gab ein verrostetes Metallgitter, mit dem man den Zugang absperrte. Das hatte er sich vorgenommen.

Vorgestern hatte er die alte Farbe und den Rost abgeschmirgelt, gestern alles grundiert, heute war der neue Anstrich dran. Er hatte sich für hellblau entschieden: wasserblau, meerblau, seeblau. Ja, das war eine schöne Farbe.

Er öffnete vorsichtig die Farbdose und stellte sie auf eine alte Ausgabe des Wäller Wochenspiegels, die er aus dem Vereinsheim mitgenommen hatte.

Er tauchte den breiten Pinsel ein und strich die überflüssige Farbe ab. Dann biss er sich auf die Unterlippe. Keine Zungen, keine Blasen, keine Tropfenspuren, ermahnte er sich. Dann begann er systematisch zu streichen.

Sie war seit Jahren nicht mehr hier gewesen. Seltsam wie fremd und gleichzeitig vertraut etwas sein konnte, dachte sie, als sie die Tür aufschloss. Und wäre ihr Vater nicht gestorben, wäre sie nie zurückgekehrt, ins rote Haus.

Sie dachte an den alten Mann in seinem Krankenhausbett, den sie eher aus Pflichtgefühl als aus Mitleid besucht hatte. Sie war nicht lange geblieben. Gesprochen hatten sie wenig. Beim Abschied hatte sie dann doch seine Hand ergriffen und gedrückt. Kalt war sie gewesen. Er hatte stumm gelächelt.

Sie hatte einen Bootsverleih geerbt, den es seit drei Jahren nicht mehr gab. Bunte Ruderboote, die im flachen Wasser dümpelten und deren Riemen sich so häufig in den Algen verfingen, dass die Gäste irgendwann ausgeblieben waren. Tretboote hatte der Vater nie haben wollen: nur dummes Spielzeug für Kinder. Aber waren die Kinder nicht ihre Kunden?

Später schlug sie das alte Kassenbuch auf, in dem er die Tageseinnahmen akribisch notiert hatte. 80 Mark am 1. August, einem Donnerstag. 95 am Sonntag. Montag geschlossen. Wie konnte man davon leben? Oder hatte es das ganze Wochenende geregnet? Sie blätterte vor und zurück, die Zahlen änderten sich kaum.

Sie sah sich um, an der Garderobe hing noch der alte Filzhut des Vaters. Sie sah ihn vor sich, mit verschränkten Armen auf dem Bootssteg patrouillierend und seinen Booten nachblickend. Wenn jemand sich zu weit entfernte, nahm er die Trillerpfeife in den Mund, blies hinein und ruderte mit den Armen, um sie zurückzurufen. Es darf nie wieder etwas passieren, das schärfte er ihr immer wieder ein.

Es waren schon Menschen im See ertrunken. In einem See, in dem man stehen konnte.

Auch das Haus gehörte jetzt ihr, das rote Haus, das sie so hasste. Sie konnte es verkaufen, vermieten, ein Ferienhaus daraus machen. Doch dafür brauchte es Gäste, mehr Gäste als die wenigen Tagestouristen, die am Sonntag zum Wandern oder zum Golfspielen kamen. Einmal um den See waren es sechseinhalb Kilometer, eine gute Länge. Eigentlich.

Und die Boote? Der Vater hatte ein Stück Seeufer neben dem Vereinsheim gepachtet. Es kostete fast nichts. Vielleicht konnte man etwas anderes daraus machen. Ein Café? Davon hatte sie als Mädchen immer geträumt. Sie backte gern. Und aus dem roten Haus ein kleines Bed & Breakfast? Die Fassade konnte man neu streichen.

Blieb der See. Ihr einziges Kapital.

Auf dem Schreibtisch des Vaters stand ein Foto in einem einfachen Holzrahmen. Sie und Helga, ihre kleine Schwester. Sie lächelten beide in die Kamera, Helga strohblond mit langem Haar, sie selbst dunkel und jungenhaft. An die Schwester hatte sie eine Ewigkeit nicht gedacht.

Sie hätten gemeinsam ein Café eröffnen können. Eine backt, die andere bedient. Ihre Schwester mit dem versonnenen Lächeln.

Sie griff zum Telefon, um den Makler anzurufen. Sie waren verabredet; das Telefon war tot. Sie hätte ihr eigenes Telefon benutzen können, doch plötzlich war sie sich unsicher.

Sie ging hinaus und die wenigen Schritte hinunter zum Ufer. Keine Boote. Unweit von ihr, zur Rechten, lag das alte Vereinsheim. Jemand trug eine Leiter hinaus. Das gibt es also noch, dachte sie.

Sie lief ein Stück auf dem schmalen Wanderweg in die andere Richtung. Das Gras stand hoch, und in den Ritzen des Asphalts machte sich Unkraut breit, blühten die gelben Köpfe des Löwenzahns.

Sie blieb stehen und nahm ihr Handy in die Hand. Sie hatte ihrer Freundin Beate ein Foto vom See versprochen. Sie könne sich gar nicht vorstellen, wie es dort aussähe, hatte die Freundin gesagt. Ich auch nicht, hatte sie geantwortet.

Der See war groß. Sie zoomte zurück, um mehr ins Bild zu bekommen, auch wenn das keinen großen Unterschied machte. Das Ufer verlor sich in der Ferne. Sie fröstelte.

Er stand vor dem Häuschen. Ein gepflegter Vorgarten, ein emailliertes Schild hing neben der Tür, auf dem Haus Anemone stand und ein farbiger Klecks, der an eine Blüte erinnern sollte.

Während er klingelte, ging seine andere Hand zum Krawattenknoten. Er klingelte ein weiteres Mal. Frau Kramer war alt und hörte vielleicht schlecht.

Doch dann stand sie vor ihm: eine sorgfältig zurechtgemachte ältere Dame in einer Kleidung, die ein paar Nummern zu groß schien und zwischen Rosa und einem kräftigen Rot changierte. Er roch ihr blumiges Parfum.

Herr, Herr …, begann sie. Genau der, bestätigte er, vom Zweckverband Revitalisierung. Ach ja, Revi… Revitalisierung, wiederholte er. Ich weiß schon, die von der Seerettung. Er verzog keine Miene: Darf ich hereinkommen?

Ich habe Kaffee gekocht, ein Stück Kuchen vielleicht? Er folgte ihr ins Wohnzimmer. Durch eine weite Fensterfront sah man in den Garten. Von hier oben hatte man sogar eine gute Sicht auf den See. Schön haben Sie es hier. Er setzte sich. Sie folgte seinem Blick. Ja, die Gäste saßen gerne auf der Terrasse und schauten hinaus.

Er sah auf die Uhr an seinem Handgelenk. Dann begann er. Von der schweren, aber lohnenden Aufgabe, die vor ihnen läge. Von der Zukunft, ein Wort, das er gerne benutzte. Von der Vergangenheit, die ein Versprechen war, von der gemeinsamen Sache. Vom Aufbruch 2030, das wie ein Wahlplakat im Glaskasten am Rathaus hing.

Sie lächelte still vor sich hin, schenkte Kaffee nach und fragte, ob er mehr Sahne wollte. Was sie selbst damit zu tun habe, fragte sie irgendwann.

Die Frage schien ihn aus dem Konzept zu bringen. Ich werde dieses Jahr siebzig, fügte sie leiser hinzu. Die Bemerkung, dass sie jünger aussähe, verkniff er sich. Stattdessen sprach er über die Anemone, eines der Leuchttürme – im übertragenen Sinne, natürlich – des Ortes, ja der ganzen Gegend. Nur sie stünde für Kontinuität, für das Alte, das man ins Neue hinüberretten wollte. Oder das Neue im Alten? Er stockte kurz. Gleichwohl: Mit ihr konnten sie es schaffen, ohne sie … Er ließ die Folgen ungesagt.

Ihr Plan gefällt mir, meinte sie, während sie fragend auf den Apfelkuchen zeigte. Noch ein Stück? Er hob abwehrend die Hände. Und das Geld? Das kostet doch bestimmt sehr viel Geld? Er lehnte sich zurück.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, sagte er schließlich. Der Kreis, das Land, der Bund. Alle sind entschlossen, Geld zu investieren. Und wenn Sie erweitern wollen … Ein Gartenhaus mit zusätzlichen Zimmern … Er zeigte hinaus. Die Welt ist nach oben hin offen.

Die viele Arbeit macht sich nicht von allein, wandte sie ein. Da sagen Sie was, da sagen Sie was. Aber wollen wir wirklich einen Schritt vor dem Ziel aufgeben? Wir, sagte er. Wo doch der See da draußen liegt. Er zeigte noch einmal hinaus in den Dunst des späten Vormittags. Eine Frau ging am Haus vorbei, ohne herüberzuschauen.

Kann ich mit Ihnen rechnen? Fragte er schließlich. Können wir mit Ihnen rechnen? Ich überlege es mir, sagte sie. Das war gut, besser als nichts.

Als er draußen stand, kam die Frau von vorhin gerade vom Seeufer zurück. Sie kam ihm bekannt vor. Er hätte aber nicht sagen können, woher. Er nahm sein Smartphone aus der Innentasche seiner Jacke, öffnete die App mit den Notizen und schrieb: Anemone: 90%.

Die Suite war groß, besonders das Wohnzimmer, dafür war das Schlafzimmer klein. Es passte gerade mal ein großes Bett hinein, und den Fernseher konnte man von dort auch nicht sehen. Man kann nicht alles haben, dachte er.

Aber wo war der See? Er ging auf den Balkon hinaus, das zum Zimmer gehörte. Einer der Gründe, weshalb er es gebucht hatte. Grün, soweit das Auge reichte. Eine riesige Fläche voller Gestrüpp, nicht einmal ein richtiger Wald. Auf der anderen Seite ein Dorf, wenige Häuser, ein einsamer Kirchturm. Ob das der Golfplatz war, auf den er sah? Kaum.

Schatz, hast du den See gesehen? Welchen See? Das Hotel heißt Seehotel, da wird es doch einen See geben! Hast du Seeblick gebucht? Vielleicht haben wir ein Zimmer auf der falschen Seite. Natürlich habe ich Seeblick gebucht, ich buche immer Seeblick. Oder Meerblick, ergänzte er in Gedanken. Dann solltest du dich beschweren.

Das sollte er wirklich tun, auch wenn er sich selten über ein Zimmer beschwerte. Aber wenn in der Zimmerbeschreibung Seeblick stand, dann war das nicht verhandelbar. Er vergewisserte sich, dass in seinem Bestätigungsmail tatsächlich Seeblick stand.

Er wählte die ‚9‘ für die Rezeption und brachte sein Anliegen vor. Ich verstehe ihr Problem, sagte die junge Frau. Es war dieselbe, die sie eingecheckt hatte.

Mein Problem? dachte er. Inwiefern war es sein Problem, wenn sie ihm das falsche Zimmer gegeben hatte?

Die Sache ist die, begann sie, Sie haben Seeblick. Ich sehe keinen See, behauptete er und ging mit dem Telefonapparat in der Hand zum Fenster zurück, um sich zu vergewissern. Das liegt daran, dass es keinen See gibt, antwortete sie.

Und sie verkaufen einen See, den es nicht gibt? Er schüttelte den Kopf. Das grenzte an Betrug. Es gibt ihn, er kommt und geht, nur jetzt, in diesem Augenblick ist er gerade nicht da. Seit wann, fragte er. Seit fast vier Jahren, gab sie zu. Vier Jahre, dachte er, das war eine lange Zeit. Und er kommt zurück? Wenn alles gut geht. Wann? In einem Jahr oder in zwei. Vielleicht.

Er erfuhr, dass der See, ein Stausee, aus Sicherheitsgründen abgelassen worden war. Der TÜV… Ja, gegen den TÜV gab es wenig zu sagen. Sicherheit ging vor.

Aber wir arbeiten mit Hochdruck an der Revitalisierung, fuhr die junge Frau fort. Keine Algenteppiche mehr, kein umkippendes Gewässer, ein perfektes ökologisches System. Vögel, Fische, summende Insekten und quakende Frösche. Sie werden sehen, das wird wunderbar.

Was sagt sie? fragte seine Frau, die dazugekommen war. Dass es keinen See gibt, oder dass es ihn doch gibt, ich habe sie nicht ganz verstanden, antwortete er. Ich sehe keinen See, sagte seine Frau. Er schnaubte: So weit war ich auch schon.

Gut, es gab keinen See, da konnte er nichts machen. Bekomme ich mein Geld zurück? fragte er die Rezeptionistin. Welches Geld? Den Differenzbetrag zwischen Seeblick und keinen Seeblick. Aber sie haben doch Seeblick! Oder sagen wir, sie hätten Seeblick, gäbe es einen See. Aber das ist nicht dasselbe, wandte er ein. Nicht ganz, stimmte sie zu.

Dann fiel ihr etwas ein. Sehen Sie das Foto über dem Schreibtisch? Das hängt in jedem Zimmer. Es zeigt den See, wie er einmal war. Und wie er irgendwann wieder sein wird. Vielleicht tröstet sie das.

Er legte auf und ging zum Schreibtisch. Ja, es war ein malerischer See. Blau wie ein See sein sollte, nicht so grün wie jener, auf den er von seinem Fenster sah.

Der Hausmeister hatte an diesem Tag früher Schluss gemacht. Am Seeufer entlang fuhr er nach Hause. Die verrostete Fischreuse, die er entsorgen wollte, klapperte gegen den Rahmen seines Fahrrads. Er kam am verlassenen Campingplatz vorbei, dort, wo der See früher in die Schleusenanlage lief. Dann zum Hotel, einem langgestreckten rosafarbenen Klotz, den man auch vom anderen Seeufer sehen konnte. Auf der Terrasse im zweiten Stock stand ein älteres Ehepaar und sah auf den See hinunter. Er schmunzelte. Touristen. Es gab sie noch.